20 Jahre – 250 Hefte – 15 000 gedruckte Seiten des ZeitPunkt-Kulturmagazins

Reiht man alle Seiten, die bisher für das ZeitPunkt-Kulturmagazin gedruckt wurden, aneinander, schafft man es 35 Mal um das Völkerschlachtdenkmal in der Heimat des Hefts. 15 000 Seiten voller Termine, News, Kultur – 15 000 Seiten mit 1 300 Buch- und 1 000 Filmrezensionen – 15 000 Seiten, die Christian Nóvé als Chefredakteur begleitete. Im Interview blickt er auf die letzten 20 Jahre zurück und erzählt, wie aus einer Idee Wirklichkeit wurde.
ZeitPunkt: Herr Nóvé, wie kommt man als gelernter Schriftsetzer und leidenschaftlicher Musiker auf die Idee, ein eigenes Stadtmagazin zu gründen?
Christian Nóvé: Der Musiker Reiner Schock lud mich eines Tages zu einem seiner Konzerte nach Halle ein, weil wir uns kennenlernen wollten, um danach eventuell auf musikalischem Gebiet zusammenzuarbeiten. Bei meinem Besuch entstand dann allerdings die Idee, ein kulturelles Stadtmagazin für die Region Leipzig/Halle zu gründen, die uns beide so begeisterte, dass ich beschloss, für das Vorhaben sofort von Frankfurt dauerhaft nach Leipzig zu ziehen.
ZeitPunkt: Ein mutiger Schritt! Sie haben anfangs das Magazin also zu zweit herausgegeben?
Christian Nóvé: Das war der Plan. Doch kurz bevor es richtig losgehen sollte, bekam Reiner einen Brief der MLU, in dem ihm ein Jurastudium angeboten wurde, für das er in DDR-Zeiten abgelehnt worden war. Diese Chance nutzte er, was sich leider mit einer zeitgleichen Arbeit beim Magazin nicht vereinbaren ließ. Trotzdem durfte ich seine Räumlichkeiten weiter nutzen, was ich ihm bis heute sehr danke. Als Freund und Begleiter ist er uns seitdem immer treu geblieben!
ZeitPunkt: Haben Sie das Magazin dann ganz alleine ins Leben gerufen?
Christian Nóvé: Ich hatte wertvolle Unterstützung von vielen interessierten, begeisterten und engagierten Menschen aus der Region. Außerdem half Reiner Schock mit wertvollen Kontakten aus der Kultur- und Medienszene.
ZeitPunkt: Was waren Ihre Vorstellungen von einem Stadtmagazin?
Christian Nóvé: Für mich war das wichtigste bei einem Stadtmagazin schon immer der Veranstaltungskalender. Daher auch der Name "ZeitPunkt". Ich wollte meinen Lesern nichts vorschreiben, sondern ihnen stattdessen ein möglichst großes Angebot an Terminen geben, zwischen denen sie wählen können.
ZeitPunkt: Jetzt, als bekanntes Stadtmagazin und mit E-Mail-Verkehr, bekommen Sie meist mehr Programmhinweise zugesendet, als überhaupt in den Veranstaltungskalender passen. Wie war das bei den ersten Heften? Da wusste ja noch niemand von dem Magazin und die Kommunikation war auch schwieriger.
Christian Nóvé: Klar, am Anfang hieß es erst mal rumtelefonieren, um uns im städtischen Bewusstsein zu verankern. Als das geschafft war, ging alles über die Post oder über das Faxgerät (auf das wir sehr stolz waren). Mühseliger als heute, aber es funktionierte. Schließlich kannten wir es damals nicht anders.
ZeitPunkt: Wenn wir gerade bei der Technik sind, wie kann man sich die Produktion eines Magazins Anfang der 90er vorstellen?
Christian Nóvé: Wir hatten in der Redaktion zwei Atari-Computer, an denen die Artikel geschrieben wurden. Wenn die redaktionellen Arbeiten beendet waren, mussten alle Seiten ausgedruckt werden, Fotos wurden vorerst mit schwarzem Papier gekennzeichnet. Die Papiere und die einzelnen Bilder gingen dann in die Druckerei, wo alles zusammengefügt wurde und schließlich das fertige Heft entstand.
ZeitPunkt: Wahnsinn, dieser Aufwand! War denn das Magazin auch damals schon kostenlos?
Christian Nóvé: Nein, die ersten zwei Jahre gab es den ZeitPunkt für 1,80 DM zu kaufen. Nach der Wende waren allerdings merkliche Veränderungen bei vielen von uns belieferten Verkaufsstellen spürbar, da es gehäuft zu Wechseln der Inhaber kam. Das hatte zur Folge, dass die Magazine kleinerer Verlage (wie wir es waren) keine Chance mehr auf eine faire Präsentation hatten. Von Monat zu Monat wurde unsere Auflage nach unten gedrückt, bis wir uns entschlossen, den ZeitPunkt über Anzeigen zu fi nanzieren. Somit konnten wir selbst über die Anzahl gedruckter Hefte entscheiden. Bis heute hat sich dieser Schritt bewährt, da wir ja als kostenloses keine Unsummen an Geld für Werbung ausgeben müssen.
ZeitPunkt: Erinnern Sie sich denn noch an den ersten Kunden, der eine Anzeige bei Ihnen schaltete?
Christian Nóvé: Der erste große Anzeigenkunde war die Firma Bose, die über viele Jahre hinweg ganzseitige Werbung schaltete.
ZeitPunkt: 1992 starteten Sie noch als Kaufmagazin eine einzigartige Werbeaktion: In Leipzig zierte das ZeitPunkt- Logo mehrere Monate lang eine Straßenbahn. Wie kam es dazu?
Christian Nóvé: Nach dem Mauerfall gab es etliche Existenzgründungen und neue Unternehmen, so waren auch die LVB frisch auf dem Markt. Es wurden Kunden gesucht, die an der Werbung auf den Straßenbahnen interessiert waren, und als ich gefragt wurde, stimmte ich zu.
ZeitPunkt: Zu guter Letzt die Frage aller Fragen: Welche Anekdote aus 20 Jahren ZeitPunkt ist Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?
Christian Nóvé: Da gab es mal eine mittelschwere Katastrophe Ende Januar 1992. Den ZeitPunkt fand man damals nicht nur in der Region Leipzig/ Halle, sondern auch in den Großräumen Chemnitz und Wittenberg. Die fertigen Hefte mussten immer an die jeweiligen Pressevertriebe geliefert werden, wofür ich regelmäßig eine Firma beauftragte. Der Transporter auf dem Weg nach Chemnitz geriet mit der Februarausgabe an Bord unterwegs ins Rutschen und kam von der Fahrbahn ab, wobei er einen Teil der Ladung verlor. Zum Glück waren die Hefte alle in Kartons verpackt, so konnten die meisten Exemplare gerettet werden und erreichten ihr Ziel nur mit ein wenig Verspätung. Trotzdem war es ein ganz schöner Schreck!
Das Interview führte Jane v. Bartnitzke
Viel Gratulanten ließen es sich nicht nehmen, dem ZeitPunkt und ihren Machern ein paar persönliche Worte zu senden. Viele berichteten dabei über die persönlichen Erfahrungen, die sie mit dem Zeitpunkt verbinden.


