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Sie waren ein bißchen vom Pech verfolgt. Nach ihrem sensationellen, selbst betitelten Debüt und den damit verbundenen Tragödien um pleite gegangene Labels, folgte noch eine EP und noch ein weiteres Album 2006, aber dann lange Zeit gar nichts. Jetzt sind sie zurück mit einem Paukenschlag!

Zurück mit ihrem mächtigen Sound, den Longtracks und den cool gezockten Rock-Riffs, mit Songlängen bis zu elfeinhalb Minuten und mit epischer Breite und ausufernden Sounds zwischen Post-, Stoner und Psychedelic-Rock.

 

ZeitPunkt: Es ist eine Weile her…

Sal: Ja, das stimmt wohl. Könnte der Welt langsamste Karriere werden… (lacht)

 

ZeitPunkt: Nun, dafür gibt es noch andere Aspiranten, aber – was ist passiert? Offensichtlich habt ihr schon mal kein Label mehr.

Sal: Doch! Wir haben unser eigenes Label, ein anderes brauchen wir gar nicht. Wir bringen einfach unsere Platten selber raus, wir passen eh nicht in die normale Musikindustrie.

 

ZeitPunkt: Sagt einer, der ein bißchen Pech hatte mit Labels in der Vergangenheit…

Sal: Ja, jedes Mal. Aber das ist ok. Wir haben dran gearbeitet, das hat ein bißchen Zeit gekostet, aber wir sind sicher, daß das der bessere Weg für uns ist.  

 

ZeitPunkt: In England wart ihr also die ganze Zeit aktiv? Denn hier in Deutschland habt ihr euch ja recht rar gemacht…

Sal: Nein, in England haben wir viel gespielt. Aber obwohl es durchaus viele Fans hier in Deutschland gibt, mit denen wir auch in Mail-Kontakt stehen, war es für uns nicht so einfach, rüber zu kommen. Diese Fans haben unsere Platten gekauft, aber ehrlich gesagt, fehlte uns auch die Zeit für große Tourneen. Es hat uns allen Ernstes vier Jahre gekostet, um "The Octopus" zu machen. Full time. Es ist ein großes Unternehmen! Allein das Schreiben hat 18 Monate gekostet, d.h. wir haben eineinhalb Jahre nichts anderes gemacht, als Musik zu spielen, bevor wir überhaupt angefangen haben, aufzunehmen.  


ZeitPunkt: Das heißt?

Sal: Wir haben es live aufgenommen – in drei verschiedenen Sessions über drei Jahre verteilt. Wir haben keine Overdubs gemacht, sondern haben die besten Takes von jedem Song genommen. Zwischendurch mußten wir ein bißchen Geld verdienen, dann bin ich noch Vater einer Tochter geworden. Ja, es waren die vier produktivsten Jahre unseres Lebens. 

 

ZeitPunkt: Die produktivsten?! Wir reden von EINEM Album… Live aufgenommen… es gibt Bands, die machen das in einer Woche!

Sal: Es sind zwei Alben – und über zwei Stunden Musik. Und was andere machen, interessiert mich gar nicht. Und es gab eine EP zwischendurch. 

 

ZeitPunkt: Es sind also zwei Alben – oder ein Doppelalbum?

Sal: Es gibt doch ein verbindendes Element. Man kann auch sagen, es sind zwei Seiten desselben Albums, mit unterschiedlichen Songs, zweimal aufgenommen. Wir hatten keinen Masterplan, aber so ist es geworden. Wir haben einfach angefangen, zu Jammen – und das ist, was dabei herausgekommen ist. 


ZeitPunkt: Was meinst du mit zwei Seiten desselben Albums, zweimal aufgenommen?

Sal: Wenn ich Part 1 & 2 höre, ist es für mich wie ein Film, den man aus zwei verschiedenen Perspektiven aufgenommen hat. 

 

ZeitPunkt: Mit welcher Verbindung? Ich meine, die Songs sind ja schon mal unterschiedlich…

Sal: Sie sind ähnlich aufgebaut, sie haben ruhige Momente an der gleichen Stelle, sie beginnen beide mit zwei Songs, die das Album einleiten und zwei, die es abschließen.

 

ZeitPunkt: Ihr hattet vorher zwei Alben – wobei das zweite etwas rockiger ausgefallen ist, als das erste – würdest du mir da zustimmen?

Sal: Ja. Und die Alben sind im Endeffekt der beste Beweis dafür, warum wir keine Label-Band sind. Plötzlich sollten wir ganz schnell ein zweites Album abliefern – und wie du schon ganz richtig bemerkt hast, sind wir nun einmal nicht besonders schnell. Und wir mussten "Insider" innerhalb von ein paar Wochen schreiben und aufnehmen. Als ich die Songs eingesungen habe, mußte ich die Texte ablesen… ich liebe das Album, ich finde es hat wirklich tolle Songs, und ich mag auch diese schnellere Variante von Amplifier. Aber die Art, wie wir es gemacht haben, ist nicht mein Ding. Deshalb war auch klar, daß "Octopus" so lange brauchen würde – einfach weil wir den Kontrast zu "Insider" brauchten. Das nächste Album wird nicht so lange brauchen.

 

ZeitPunkt: Also ein wunderbares Beispiel für den Satz "Man hat sein ganzes Leben, um sein Debütalbum aufzunehmen und nur Monate für sein zweites Album". "Octopus" hat jetzt wieder sehr lange gedauert – geht es deshalb zurück zu dem "echten" Amplifier – zu dem was ihr musikalisch – auf dem Debütalbum ward?

Sal: Ja, ich denke, so kann man das sagen. Für uns gab es nur die beiden Alternativen: Entweder lösen wir uns auf oder wir gehen zurück zu dem, womit wir angefangen haben. Zusammen in einem Raum und spielen. Und deshalb paßten wir auch zu keiner Plattenfirma mehr, denn die könnten damit nicht leben. Und deshalb ist dieses Album wirklich Amplifier. 

 

ZeitPunkt: Was macht einen Song zu einem Amplifier Song?

Sal: Normalerweise ist es so, daß wir vor uns hin Jammen. Und wenn wir RICHTIG viel Glück haben, kommt dabei ein Song heraus. Aber das ist selten. Wahrscheinlicher ist, daß man Tage, Wochen oder auch Monate später sich die ganzen Sachen anhört, sich die Perlen rauspickt und diese weiterdenkt. Das ist dann mein Part. Und beim nächsten Spielen kann man das dann weiterentwickeln. Und nach ein paar Wochen beginnt das zu wachsen. Wie ein Embryo. Und das Erste, was mir dazu einfallen muß, ist ein Name, erst dann kann sich daraus ein Song entwickeln.

 

ZeitPunkt: Ok, ich beginne zu verstehen, warum es so lange dauert…

Sal: Der Name ist essentiell! Er sagt Dir alles darüber, was der Song werden kann und was er am Ende ist.

 

ZeitPunkt: Was ist also "The Octopus"?

Sal: Es gibt einen Begleittext… ok, eine Zusammenfassung. Der Text versucht, einen kleinen Einblick zu geben in unsere Existenz. Und "The Octopus" ist eine Art Netzwerk, eine Art Gehirn, ein System, und jeder der das kennt, ist dann ein Teil von ihm. Aber ich fürchte, Du mußt den Text lesen, um ihn wirklich zu verstehen. Er ist lang, aber eigentlich nicht so schwer…

 

ZeitPunkt: Klingt ein bißchen nach einem Drehbuch… ist da was geplant?

Sal: Von mir aus… könnte man machen. Aber ich fürchte, dafür fehlt die spannende Geschichte.

 

ZeitPunkt: Gab es eigentlich Offerten von Labels?

Sal: Ja, aber sie boten uns keine Zukunft an. Sie wollten das fertige Album für 10, 20.000 Euro, aber wer würde das schon machen? Wir müssen davon leben!


ZeitPunkt-Redakteur Ralf Koch sprach mit Amplifier-Sänger Sal.