Boxhagener Platz

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Liebeserklärung an Ost-Berlin - Dieser wunderbare Ostalgie-Spielfilm basiert auf dem hochgelobten Roman-Debüt von Torsten Schulz. Matti Geschonneck, selbst in der ehemaligen DDR aufgewachsen, konnte als Regisseur in Zusammenarbeit mit Arte und Babelsberg Film ein zauberhaft herbes Kinostück inszenieren.
Dieser Platz war ein kleiner Kosmos, hier kannte jeder jeden; als Zuschauer dürfen wir in die Wohnzimmer bzw. Kochtöpfe schauen. Denn die Fleischroulade kam bekanntlich nur sonntags auf den Tisch, in der Woche schmeckten die Kohlrouladen.
Wir erleben die Zeit Ostberlins mit 68er Studentenrevolten, der aufkeimenden Aufklärungsära, den Prager Unruhren und dergleichen. Hauptprotagonist ist eigentlich Enkel Holger (der 14jährige Samuel Schneider - erstmals auf der Leinwand), der hin und hergerissen wird. Seine Oma Otti (eine begnadete Gudrun Ritter) zeigt uns, was eine sogenannte Harke ist und führt hier das Kommando. Otti hat schon fünf Ehemänner ins Grab gebracht. Der sechste ist auch nicht mehr ganz frisch.
Da flirtet sie zwar auch mit dem Altnazi Fisch-Winkler (Horst Krause), erliegt aber dem Charme des unwiderstehlichen Karl Wegner (Michael Gwisdek), einem ehemaligen Spartakuskämpfer der sie während einer ihrer berechtigten häufigen Friedhofsbesuche fragt, ob sie das Grab seiner Frau mal während seiner Abwesenheit mitgießen könne. So beginnt die Romanze! Und Holger freundet sich mit Karl an, den er bewundert und so mit neuen Erkenntnissen Bekanntschaft macht.
Kurz darauf wird Fisch-Winkler in seinem Laden tot aufgefunden. Herzerfrischend ist es, wie hier der poetische Berliner Dialekt mit seiner warmherzigen Schnoddrigkeit einen klassischen Rahmen bieten darf. Eine Detektivgeschichte der besonderen Art entwickelt sich nun. Holgers Eltern verblassen verglichen mit Oma Otti; der Junior ist fast täglich bei Oma zu Hause, denn Holgers Mutter Renate (eine gar nicht blasse Meret Becker) träumt unablässig von einem sorgenfreien Leben im Westen, muß sich aber mit ihrem regimekonformen Mann abplagen und wünscht dabei, selbst wie ihre Mutter Otti die Männer tanzen und sterben zu lassen.
Nachdem Ottis Noch-Ehemann Rudi das Zeitliche segnet, wird sie künstlich die Todesstunde vertuschen, um noch die volle Rente abholen zu können. Nach der Beerdigung folgen unerträgliche Bespitzelungen und jeder fürchtet sich vor jedem.
Die Idylle später an Heiligabend erinnert an skurrile Lehrstücke vom feinsten. Es wird das pralle Leben gezeigt; dokumentarisch sind sparsam nur wenige Szenen eingefügt. Dieser Film ist auch eine Hommage an großartige Darsteller aus Ost und West.
- blw -
Start: 4. März 2010
Genre: Melodram
Dauer: 103 Minuten
Verleih: Pandora

