Europe

- © Europe
Dreißig Jahre ist es her, daß Gitarrist John Norum mit Sänger Joey Tempest eine der erfolgreichsten Hardrock-Bands gründete. Wenn er die Band auch in dem Moment des größten Erfolges verließ: Kurz nachdem die Band mit "Final Countdown" in aller Munde war, startete Norum seine Solokarriere. Seitdem ist viel Zeit vergangen, Europe brachen zwischenzeitlich auseinander und es dauerte eine Zeit, bis sich die Jungs wieder über den Weg liefen. Seit 2003 sind sie wieder "ganz die Alten" und veröffentlichen dieser Tage ihr drittes Album im neuen Jahrtausend. Was das mit der Vergangenheit zu tun hat und wie es überhaupt dazu kam, verriet John Norum im Interview mit ZeitPunkt-Redakteur Ralf Koch.
ZeitPunkt: Ich höre, Du lebst wieder in Schweden?
John Norum: Ja, als wir Europe wieder begonnen haben, bin ich hierher zurückgekommen. Zurück zur Familie. Ich meine, ich hatte eine tolle Zeit in Los Angeles, aber Schweden ist nunmal meine Heimat.
ZeitPunkt: Könntest Du in Worte fassen, was das neue Album so besonders macht, weswegen es jeder hören sollte?
John Norum: Nun, ich denke, es hat einen der besten Sounds, die ich je auf einer Platte gehört habe und es hat wirklich fantastische Songs, tolle Melodien, starken Gesang, feine Gitarren - also denke ich, es ist ein tolles Album. Tatsache ist, daß diese Band wirklich eine ganz besondere Chemie besitzt und ich denke, die kann man hören. Wir haben es ein bißchen anders gemacht dieses Mal, es sind viele Sachen live eingespielt, und das haben wir schon lange nicht mehr gemacht.
ZeitPunkt: Was würdest Du sagen, ist anders an der Band im Vergleich zu früher?
John Norum: Oh, wir sind alle bessere Musiker als in den 80ern und 90ern, wir sind viel durch die Welt getourt und sind wirklich eine Einheit geworden. Und, was ganz wichtig ist: Wir sind viel mehr eine Gitarren-orientierte Rockband als früher, da waren wir viel mehr Pop als mir lieb war - und das kann man auf dem neuen Album hören. Das ist wirklich ‚back to the roots, zurück zu den Einflüssen von Bands wie Led Zeppelin, Deep Purple und so.
ZeitPunkt: Letzten Endes war diese Änderung in der Grundausrichtung damals ja ein Grund für Dich, die Band zu verlassen...
John Norum: Ja, das hatte viel mit unserem Image zu tun, das bereitete mir echte Probleme. Die Achtziger waren musikalisch wirklich eine grausige Zeit. Es gab kaum eine wirkliche Band damals, es sei denn es war eine, die aus den Sechzigern und Siebzigern überlebt hatte. Aber ansonsten gab es so viel Müll - Cinderella, Poison und solche Bubblegum Kinderbands - und es ging nur ums Image. Aber es gab auch noch hundert andere Gründe für mich, die Band zu verlassen, der Ärger mit dem Management, die Diskussionen mit der Plattenfirma etc. - also entschied ich mich, die Band zu verlassen.
ZeitPunkt: Nicht so unerfolgreich...
John Norum: Nein, ich hab mein erstes Soloalbum noch 1987 veröffentlicht, bin getourt und dann bekam ich einen Anruf von Don Dokken, ob ich in seiner Band spielen wollte. Und ich bin froh, all diese Erfahrungen gemacht zu haben, nach Amerika gegangen zu sein, all diese Leute zu treffen, meine Frau Michelle kennenzulernen, es war das richtige Timing.
ZeitPunkt: Trotzdem hast Du Dich entschieden, wieder zurückzukommen.
John Norum: Ja, sie haben mich gezwungen, ich hatte keine Wahl. Und sie haben mir eine Menge Geld geboten (lacht). Nein, wir hatten eine tolle Show zur Millenniumsfeier, haben zwei Songs bei ungefähr minus 20 Grad gespielt, aber es ging, weil es nur zwei Songs waren, "Rock The Night" und "Final Countdown" um kurz vor zwölf. Das war schon etwas besonderes, auch wenn uns fast die Finger abgefroren sind, und es kam dieses alte Familien-Feeling auf, immerhin kannten wir uns seit der Kindheit, waren schon immer alte Freunde, und es fühlte sich echt gut an. Danach bin ich erst einmal wieder nach Amerika gegangen, habe ein Dokken-Album veröffentlicht, Joey hat seins gemacht und dann unterhielten wir uns einfach mal, ob wirs noch einmal probieren wollen. Also schrieben wir ein paar Songs - es funktionierte - und jetzt erscheint schon unser drittes Album in Folge!
ZeitPunkt: Das Solo-Ding hat Dich also doch nicht so befriedigt?
John Norum: Ich habs zumindest probiert - aber ehrlich gesagt, ich habe festgestellt, daß ich doch keine Rampensau bin. Ich steh doch lieber abseits der Spotlights, überlasse das Reden zwischen den Songs einem Anderen und stehe nur hin und wieder in den Solos mal vorne. Vielleicht war ich auch zu jung, ich dachte, ich mache jetzt solo und das für den Rest meines Lebens, aber nach der ersten Tour hab ich schon anders darüber gedacht.
ZeitPunkt: So kurz kann "für immer" sein...
John Norum: Ja, das stimmt. Naja, und dann kam eben Don Dokkens Anruf und hat mir die Chance gegeben, auf der Bühne zu stehen, ohne daß ich die ganze Zeit alle Blicke auf mir habe.
ZeitPunkt: Als Ihr wieder zusammengekommen seid, hattet ihr irgendwelche Pläne für Euren Sound und wie er klingen sollte und wie nicht? Ich meine, es war zum großen Teil eine Fortsetzung der alten Geschichte, aber ihr habt geschickt ein paar neue Sounds mit eingearbeitet.
John Norum: Oh, danke, das ist schön zu hören. Ich hatte damals ein paar eigene Songs und hätte selber nicht gedacht, daß Joey sie passend für Europe finden würde, aber wir haben rund 6 oder 7 dieser Ideen benutzt und im Endeffekt war es unser härtestes und dunkelstes Album, das wir je gemacht haben.
ZeitPunkt: Ihr hattet Euch also in ähnlicher Weise weiterentwickelt?
John Norum: Ja, sie waren alle der Meinung, wir sollten eher ein Gitarren-Rockalbum machen anstatt ein Keyboard-Popalbum. Das war es in den Achtzigern, das hatten wir und wir wollten weitergehen. Und heute sind wir dichter an unseren ersten beiden Alben VOR "Final Countdown", als wir es in der ganzen Zwischenzeit waren.
ZeitPunkt: Allerdings ist das neue Album auch wieder mehr Hardrock - und läßt die Entwicklung in neue, moderne Rockgefilde wieder ein bißchen hinter sich, oder?
John Norum: Wir hatten nie einen Masterplan, wir haben immer nur einfach Songs geschrieben und wie das Album klingt, ist immer ein Ausdruck unserer jeweiligen Gefühlslage. Ja, vielleicht ist das neue Album wieder eher Rock als Metal, aber der Sound ist sehr modern, also sind wir sehr zufrieden.
Und mit Joeys Stimme sind wir immer in dieser Melodic-Richtung, das bringt sein Organ schon mal so mit sich.
ZeitPunkt: Hat sich die Art geändert, wie die Songs entstehen?
John Norum: Nicht wirklich. Jeder von uns hat seine Homerecording-Techniken und wir schicken uns Songs und Ideen hin und her - das ist heute etwas einfacher als früher, aber die Arrangements entstehen eigentlich erst, wenn wir zusammen kommen, das ist eine Teamgeschichte.
ZeitPunkt: Parallel dazu arbeitest Du trotzdem noch an Deiner Solokarriere, wie paßt das zusammen?
John Norum: Ich würde das gar nicht Karriere nennen, ehrlich gesagt. Ich schreibe Songs und bringe immer mal ein Album raus, weil ich immer noch meinen Plattenvertrag mit Mascot habe, aber eine Karriere wäre etwas anderes. Im Herbst gibt es wieder ein neues Album, aber das ist Blues im Stil von Frank Marino & Mahagoni Rush, die mich schon immer inspiriert haben. Ich experimentiere mit verschiedenen Stilen und mit meiner Stimme, und es läuft nur so nebenbei. Das ist nichts, wofür ich lange im Studio herumfrickeln muß, ich gehe mit ein paar Freunden ins Studio, wir nehmen die Songs in ein paar Tagen auf, thats it.
ZeitPunkt: Und andere Bands als Deine Zwischenstationen Dokken und UFO hat es für Dich nie gegeben?
John Norum: Nein, ich habe von Pete Way von UFO gelernt, daß es wichtig ist, nicht zu viel herumzurennen und bei jedem Projekt mitzumischen, sondern sich lieber zu 100% auf eine Band zu konzentrieren.
ZeitPunkt: Also eher das Gegenteil von Steve Lukather...
John Norum: Ja, ehrlich gesagt, verliere ich den Respekt vor Leuten, die auf jedem zweiten Album zu finden sind. Da war ich nie Fan von, ich bin eher der Band-Typ. Und freue mich über unser neues Album und auf die anstehende Tournee!

