Magnum

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Sie sind immer noch eine der wichtigsten und einflußreichsten britischen Rockbands. Das kompositorische Gespür von Bandvorsteher und Gitarrist Tony Clarkin und die unverwechselbare Stimme von Bob Catley stehen für einen einzigartigen Sound im melodischen Hardrock, der seit vielen Jahren und fast ebenso vielen Veröffentlichungen ihr Markenzeichen ist. Gegründet 1972 gehören sie zudem zu den ältesten Bands ihres Genres – und trotzdem möchte man meinen, sind sie erst in den letzten Jahren endlich "angekommen", um sich in genau diesem musikalischen Setting so ausleben zu können, wie sie möchten. Mit Alben, die vor Selbstbewußtsein strotzen und mit Songs, die abwechslungsreich aber wie aus einem Guß klingen und zu den besten gehören, die sie je geschrieben haben. Und so kann ZeitPunkt-Redakteur Ralf Koch gar nicht anders, als Tony Clarkin zu beglückwünschen…
ZeitPunkt: Du hast mir gerade gesagt, daß Du meinst, daß Euer neues Album "The Visitation" das Beste sei, was Ihr jemals gemacht habt. Sagt man das automatisch über sein aktuelles Album, oder was macht es so wertvoll?
Tony Clarkin: Es hat mich rund 9 Monate gekostet, dieses Album zu schreiben und zuhause aufzunehmen. Dann sind wir ins Studio gegangen um die Parts aufzunehmen. Und ich habe immer wieder an den Arrangements gearbeitet bevor ich sie irgendjemandem vorspielte, inklusive Bob. Ich fing mit rund 40 Songs an und schmiß in den 9 Monaten immer wieder Songs raus, änderte Elemente, Arrangements und alles, was ich nicht zu 100% befriedigend fand.
ZeitPunkt: Es ist also mehr oder weniger alles fertig – Text wie Musik – bevor die anderen Musiker die Songs zum ersten Mal hören und einspielen?
Tony Clarkin: Ja. Was nicht heißen soll, daß nicht hin und wieder auch noch etwas geändert werden kann. Und sei es nur am Gesang. Manchmal muß Bob ein paar Tage später eine Zeile noch einmal neu einsingen, weil ich ein Wort geändert habe. Ich bin da ziemlich pingelig, was die Texte angeht. Immerhin ist es dann da – für immer. Manchmal frage ich mich viel später, warum ich manche Sachen so oder so gesagt habe… aber dann ist es nun mal zu spät. Und diesen Effekt, bzw. diese Gefahr versuche ich, mit jedem neuen Album zu reduzieren.
ZeitPunkt: Tatsache ist, daß das neue Album wirklich eine grandiose Einheit aus Text, Gesang und Musik eingeht, daß der Sound einfach superb ist, da fragt man sich, wieso es so lange gedauert hat, diese Chemie so hinzubekommen.
Tony Clarkin: Ich stimme Dir zu, aber wie gesagt, es hat eben einfach die Zeit gedauert, es so hinzubekommen. Um Dir mal ein Beispiel zu geben: zuerst nehme ich alle Gitarren zuhause für die Demos auf. Dann gehe ich ins Studio und nehme alle Gitarren noch einmal im richtigen Sound auf. Dann hole ich Bob dazu und spiel ihm die Sachen vor. Dann müssen wir hier und da die Tonlage ändern, dann muß ich die Gitarren noch mal neu einspielen. Dann kommt es vor, daß wir das Tempo ändern – dann muß ich die Gitarren noch einmal aufnehmen. Und mit den anderen Instrumenten geht es ähnlich. Dann denkt man, jetzt nimmt es Form an, dann stellt man fest, daß es doch nicht so ist, wie gedacht, dann müssen Sachen wieder neu aufgenommen werden.
ZeitPunkt: Wie ich das sehe, habt ihr Euch mit dem neuen – wie auch schon mit dem letzten – Album endlich auf den Sound eingelassen, den ohnehin jeder von Euch erwartet und den Ihr am besten macht, habt alle Gedanken an Experimente über Bord geworfen und einfach versucht, die bestmöglichen Songs zu schreiben, oder?
Tony Clarkin: Das könnte man zusammengefaßt so sagen, ja. Es geht mir darum, die Spannung zu halten – für mich selbst, für den Song und für den Hörer. Das ist das Gute daran, wenn man viele Songs schreibt. Man läßt erst einmal alles raus und kann dann – manchmal auch mit ein bißchen Abstand – die besten Perlen rauspicken.
ZeitPunkt: Obwohl das wahrscheinlich das Ziel jedes Songwriters ist…
Tony Clarkin: Ja, das stimmt wohl.
ZeitPunkt: …und wahrscheinlich auch bei Dir früher auch nicht so viel anders war, oder?
Tony Clarkin: Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr so sehr an die Achtziger erinnern. Aber es gab z.B. auch immer mal den Druck von der Plattenfirma, die nach einer Hitsingle suchten, die unbedingt 2 Millionen Alben verkaufen wollten – und das ist einfach nicht produktiv für einen Songwriter. Unsere Plattenfirma wollte oft, daß wir so ein Def Leppard-, Whitesnake-Ding sind, daß wir zumindest genauso viele Platten verkaufen, und ich habe immer wieder versucht, sie davon zu überzeugen, daß wir das nicht sind. Sie haben die Band nie verstanden und im Prinzip haben sie damit die Band zerstört. Und das genau ist der Unterschied der vier Alben seit unserer Trennung. Abgesehen davon haben wir die beste Live-Band, die wir je hatten – und deswegen hatte ich auch noch nie so viel Spaß daran, Alben zu schreiben sowie live aufzutreten.
ZeitPunkt: In den Neunzigern hattest Du das Hard Rain-Projekt, mit dem Du einen anderen Ansatz verfolgen konntest – gibt es heute auch noch andere Sachen neben Magnum für Dich?
Tony Clarkin: Nee, das war ich als Idiot. Heute brauche ich das nicht mehr.
ZeitPunkt: Bereust Du, Magnum aufgelöst zu haben?
Tony Clarkin: Nein, ehrlich gesagt, bereue ich selten etwas, das ich gemacht habe. Es war gut, daß wir uns aufgelöst haben. Es hat mir geholfen straighter zu denken, neue Energie zu bekommen für einen Neuanfang. Und heute kann ich dieses Feuer, diese Energie spüren, deswegen weiß ich, daß es gut war. Ich meine, ich werde manchmal verrückt, während ich dran arbeite, aber dieses Gefühl, das man hat, wenn man fertig ist, ist herrlich!
ZeitPunkt: Es läuft also besser wegen der Pause?
Tony Clarkin: Für mich, ja, glaub ich schon. Ich brauchte Zeit, um zu erkennen, wie sehr ich es vermisse. Und dann dachte ich, ich könnte einfach mal ein Album machen – und es war auch das Beste, das ich zu der Zeit machen konnte, aber ich mußte erst einmal wieder reinkommen. Ich hatte es mir leichter vorgestellt, und das hat mich auch irgendwie geschockt. Aber es hat mir geholfen, mich darauf zu konzentrieren, was ich will. Und ich kann es jetzt schon wieder kaum abwarten, mich an ein neues Album zu machen.
ZeitPunkt: Was ist nötig, um immer noch dabei zu sein. Was war nötig für Euch, immer wieder die Motivation zu finden, die richtigen Ideen zu finden, etc.
Tony Clarkin: Puh, ich denke es ist in mir drin. Du könntest es "Drive" nennen, keine Ahnung. Ich habe das Gefühl, ich habe noch eine Menge zu tun, ich muß noch mehr sagen. Ich habe zwar immer wieder eine Höllenangst, wenn ich anfange, z.B. Texte zu schreiben, aber es ist gleichzeitig zu befreiend.
ZeitPunkt: So viele Dinge haben sich geändert – aber bist Du lieber heute Musiker, oder vor 20, 30 Jahren?
Tony Clarkin: Ganz klar heute. Ich bin viel zufriedener mit dem, was ich mache, mit meinem Songwriting, meinen musikalischen Fähigkeiten an der Gitarre etc. Ich kann auf die letzten zwei, drei Alben zurückblicken und sage mir, ja, ich kann das. Man ist nie soweit zu sagen, daß es perfekt ist, aber es befriedigt mich. Und ich muß keine Angst mehr haben, ein Album zu machen, das wirklich doof ist.
ZeitPunkt: Und Du würdest mir zustimmen, daß Eure Zeit für Experimente vorbei ist, daß Ihr jetzt lieber das macht, was die Leute ohnehin von Euch erwarten oder erhoffen?
Tony Clarkin: Ich denke eigentlich gar nicht so. Und ich weiß ja auch gar nicht, was die Leute erwarten. Die Bezeichnung „die Leute“ ist da ohnehin schon viel zu generell, weil es "die Leute" als Einheit ja gar nicht gibt. Aber ich weiß was ICH mag.
ZeitPunkt: Aber Du hörst – und liest – die Reaktionen der Leute.
Tony Clarkin: Aber das ist zu simpel. Natürlich hast Du Recht, aber trotzdem ist das für mich kein Motor. Und ich glaube, die meisten Songwriter sehen das eher aus ihrer eigenen Sicht – und hoffen darauf, daß "die Leute" mögen, was sie selber mögen. Jedenfalls gilt das für mich. Und offensichtlich haben wir jetzt z.B. auch ein Label, das uns nichts vorschreibt. Unsere jetzige Plattenfirma SPV nimmt uns so, wie wir sind.
ZeitPunkt: Oder er mag Euch eben genau so, wie Ihr seid.
Tony Clarkin: Ja, so könnte man es auch sagen. Vielleicht ist es das. Aber Alben sind ja eh nur eine Seite. Wir sind eine "Working Band", und am liebsten würde ich noch viel mehr live spielen. Ich meine, wir spielen ja in der ganzen Welt. Aber heutzutage muß man auch eine Menge live spielen, um überhaupt noch ein bißchen Geld zu verdienen.Andererseits muß ich nach einer gewissen Zeit auf Tour auch dringend wieder ins Studio, um die ganzen Ideen loszuwerden, die ich angesammelt habe und die mich verrückt machen. Also im Prinzip brauche ich auch diese Mischung.
ZeitPunkt: Apropos Geld verdienen: Das Album erscheint in verschiedenen Versionen – und mit zwei verschiedenen Covern?
Tony Clarkin: Nein, das dunkle Bild ist so eine Art Außenhülle, ich mochte das Foto. Und wenn man das sieht ist man erst einmal überrascht, weil es gar nicht nach Magnum aussieht, aber dann zieht man es ab und sieht das andere Bild – und das ist wieder typisch Magnum.
ZeitPunkt: Und dann gibt es die Version mit DVD.
Tony Clarkin: Das ist dann wieder die Idee, den Fans ein bißchen extra value for money zu geben. Es gab z.B. diesen Track, der es nicht auf´s Album geschafft hat. Und ein paar Videoaufnahmen vom Studio etc., um den Leuten zeigen zu können, wie wir arbeiten. Und dann noch diese vier Stücke vom "High Voltage Festival" in London.
ZeitPunkt: Wie war das überhaupt?
Tony Clarkin: Toll! Gutes Wetter, haufenweise Bands und viele Leute, die ich sehr lange nicht gesehen hatte – das war schon spannend! Und unser Auftritt war auch gut. Und sie haben alle acht Songs mitgeschnitten, aber manche von denen wurden für´s Fernsehen verwendet, also haben wir zumindest vier für die DVD bekommen. Und dann gibt es noch ein paar Extras auf der DVD – an die ich mich im Moment nicht einmal erinnern kann…
ZeitPunkt: Nochmal zum "High Voltage" – Ihr habt ja früher schon auf den größten Festivals gespielt, Monsters of Rock, etc. – war das mit dem jetzigen Festival vergleichbar?
Tony Clarkin: Das Setting war ähnlich, ich weiß nicht, ob genauso viele Leute da waren, aber es hat wirklich Spaß gemacht. Diese Aufregung, auf Festivals zu spielen, ist die gleiche. Man fragt sich, was heute wohl wieder schief gehen wird – immerhin hat man ja keinen Soundcheck. Das ist ein bißchen wie Fliegen ohne Fallschirm – und dadurch hat man so einen Extrakick. Und dann die ganzen Leute, die einen vielleicht noch nie vorher gesehen haben.
ZeitPunkt: Du hattest erwähnt, daß Du so viele Songs schreibst – wo landen die alle?
Tony Clarkin: Auf meiner Festplatte. Ich hab eine eigene Extraplatte und sie stapeln sich da… und ich höre sie mir nie wieder an. Naja, wer weiß, vielleicht wenn ich 100 bin und ich mir sage, hey, warum habe ich das nie benutzt… (lacht). Aber ich mag es nicht, zurückzugehen, ich gehe vorwärts. Aber vielleicht sind sie auch eine Art Sicherheitsnetz für mich, falls mir mal die Ideen ausgehen… haha.

