Melissa Etheridge

© Melissa Etheridge

ZeitPunkt: Schon die erste Single "Fearless Love" ist ein Kracher erster Güte - was war für Dich der Grundgedanke beim neuen Album?

Melissa Etheridge: Ich wollte zurück zu meiner Rockn Roll Seite. Es sind viele Jahre vergangen, in denen ich mich auf meine spirituelle, wie auch auf meine emotionale Seite konzentriert habe, aber sie haben mich auch zurück zu meinen Wurzeln geführt, und die liegen nun einmal klar im Classic-Rock.

 

ZeitPunkt: Es war also auch eine Reaktion auf das letzte Album?

Melissa Etheridge: Ja, wenngleich in gewisser Hinsicht ja auch eine Fortführung. "The Awakening" war sehr spirituell, aber es hat mich auch zum neuen Album geführt. Und das kann man auch musikalisch sagen. Die ersten zehn Songs von "The Awakening" waren ja eher ruhig, der zweite Teil brachte den Rock schon wieder zurück in die Songs. Und ich glaube, ich mußte durch diese ruhige Phase gehen, um meine Stimme wiederzufinden. Das war Teil des Erwachens für mich.

 

ZeitPunkt: Dieses Erwachen war nicht nur spirituell - es haben sich viele Dinge verändert durch den Brustkrebs, oder? Auch Dein sehr engagierter Einsatz für den Umweltschutz rührt aus der Zeit oder? Ist das auch ein Vorteil einer solchen Krankheit, daß man sich über solche Sachen verstärkt Gedanken macht?

Melissa Etheridge: Ja, ganz bestimmt. Der Krebs war ein Katalysator. Ich denke, daß ich ohnehin auf diesem Weg war, aber der Krebs war für mich ein Symptom für etwas, das ich aus meinem Leben entfernen mußte, u.a. um auf diesen Weg zu meinem eigenen Selbst zu kommen.

 

ZeitPunkt: Gleichzeitig gab es auch eine religiöse Tür, die Du geöffnet hast, oder?

Melissa Etheridge: Ich mag das Wort religiös nicht so, weil das für mich nach etwas organisiertem klingt, und das möchte ich ganz gewiss nicht finden. Ich würde es eher die spirituelle Tür nennen, und wenn ich von Gott spreche und singe, dann meine ich eher diese spirituelle Kraft in der Welt, nicht eine bestimmte Überzeugung oder Religion.

 

ZeitPunkt: Und ist das neu oder war das schon immer ein Teil von Dir?

Melissa Etheridge: Hmm. Religion hat nie eine Rolle für mich gespielt, schon gar nicht als lesbische Frau - da gab es nämlich keine Religion, die so etwas anerkannt hätte. Also war es eher der Weg, meine Seele zu finden, meinen Gott und die Liebe - und zu verstehen, daß alle drei dieselbe Sache sind.

 

ZeitPunkt: Das Album "The Awakening" enthielt sehr intime Songs. So wie "Threesome"...

Melissa Etheridge: Ach, hier in Amerika sind wir oft so verklemmt, wenn es um Sex geht, und in dem Song wollte ich einfach mal sagen, hey, wir machen es doch alle, und manche machen es eben verrückter als andere (lacht).

 

ZeitPunkt: Das letzte Mal haben wir über "Lucky" gesprochen, ein Album für das Dich die Plattenfirma zurück ins Studio geschickt hat, weil ihr die Hitsingle fehlte. Hat sich diese Beziehung geändert? Oder hast Du einfach eine neue kreative Ader gefunden, um die neuen Songs zu schreiben?

Melissa Etheridge: Diese Erfahrung hat mein Herz gebrochen! Aber die meisten Leute von damals sind nicht mehr dabei. Die neuen Leute wollen, daß ich glücklich bin, und sie wissen, daß ich am besten bin, wenn ich glücklich bin. Ich brauche nicht wie jemand anders zu klingen, ich habe mir mein Standing zurückerkämpft!

 

ZeitPunkt: Kommerziell war "The Awakening" nicht so erfolgreich, oder?

Melissa Etheridge: Nein, das stimmt. Aber es war wichtig für mich, also war es für mich ein großer Erfolg. Und es hat glänzende Kritiken bekommen, das war auch ein großer Erfolg!

 

ZeitPunkt: Wie nah läßt Du Kritiken an Dich herankommen? Liest Du sie?

Melissa Etheridge: Ich mache Musik nicht für irgendjemand anders, als mich selbst, aber es ist trotzdem sehr befriedigend, zu sehen, daß es Leute gibt, die verstehen, was ich mache.

 

ZeitPunkt: Wie schon auf dem letzten Album gibt es auch auf dem neuen schon wieder einen Song über Deine Wahlheimat Kalifornien - nicht wirklich ein Liebeslied, oder?

Melissa Etheridge: "California" war ein Lied über meine großen Hoffnungen und Träume, die ich hatte, und die mich dazu bewogen haben, nach Kalifornien zu kommen. Und als "Proposition 8" kam (ein Gesetz von 2008, das das Recht zur Homo-Ehe wieder zurücknahm, Anm. d. Red.) war es für mich Zeit, ein neues Lied über Kalifornien zu schreiben, weil ich sagen wollte ‚hey, das tat weh!

 

ZeitPunkt: Du hast Deine Touraktivitäten stark zurückgefahren, wird das auch beim neuen Album so bleiben, oder hing das mit der Krankheit zusammen?

Melissa Etheridge: Ich habe vier Kinder mittlerweile, deswegen ist das immer auch ein Balanceakt zwischen Familie und Karriere. Deswegen habe ich einen Großteil meiner Tourneen auf den Sommer konzentriert, wo mich die Kinder begleiten konnten - und das war für Europa dann eher schwierig. Aber ich werde definitiv im Herbst nach Deutschland kommen, das steht fest!

 

ZeitPunkt: Inwieweit wird sich die aktuelle "Rock-Seite" auf die Shows auswirken?

Melissa Etheridge: Oh, ganz stark! Das wird sehr viel mehr eine Rockshow werden! Ich habe genügend Rocksongs, auf die ich zurückgreifen kann.

 

ZeitPunkt: Offenbart dieses Album eine neue Melissa Etheridge?

Melissa Etheridge: Neu? Noch kompletter vielleicht. Noch mehr ich selbst. Ich würde das nicht neu nennen - ich bin ständig wieder neu (lacht)!


ZeitPunkt: Du hast mit Al Gore zusammengearbeitet - was kam erst, Dein Umweltbewußtsein oder die Freundschaft zu ihm?

Melissa Etheridge: Das ging Hand in Hand. Ich kenne Al schon seit vielen Jahren und ich war auch schon immer in gewisser Weise umweltbewußt, aber seit ich seine Show gesehen habe und er mich gefragt hat, ob ich einen Song für seinen Film schreiben möchte, ist das alles sehr viel intensiver geworden. Seit ich "The Inconvenient Truth" gesehen habe, sind mir meine Fußabdrücke, die ich in der Welt hinterlasse, sehr viel bewußter geworden.