Porcupine Tree

© Porcupine Tree

Steven Wilson: Rufst Du direkt an, oder haben sie Dich weitervermittelt bei Roadrunner?

ZeitPunkt: Sie haben eine Rufnummerumleitung geschaltet, so daß ich automatisch bei Dir gelandet bin.

Steven Wilson: Oh, das kannte ich auch noch nicht. Was die so alles haben...

 

 

ZeitPunkt: So ist das bei einem Major - das wolltest Du doch, oder? Eine Plattform, über die Du jedem potentiellen Hörer die Möglichkeit geben kannst, Dich kennenzulernen.
 
Steven Wilson: Nun, da sie zu 51% eine Warner-Tochter sind, müssen sie sich wohl Major nennen, ja. Und ob ich da immer hinwollte... man kann das ein bißchen mit dem Horizont vergleichen, natürlich will man da hin, aber sobald man da ist, sieht man neue Ziele. Ich glaube, wenn Du mich zu "Lightbulb Sun"-Zeiten gefragt hättest, ob dies mein Ziel ist, wo ich hin möchte, hätte ich wahrscheinlich ja gesagt, heute ist die Antwort etwas komplexer. Nun bin ich hier.

 

ZeitPunkt: Und das nächste Ziel ist?

Steven Wilson: Tatsache ist, daß man heute, mit all den Änderungen im Musikbusiness zweimal so hart arbeiten muß, wie früher, um stehen zu bleiben, allein um sein Profil zu wahren, einfach weil alles bergab geht. Man muß also zweimal so viel tun, um so viele Alben zu verkaufen, wie vor ein paar Jahren. Und natürlich geht es mir noch immer darum, möglichst viele Leute zu erreichen, und es gibt auch immer noch viele Leute, die uns nicht kennen. Und das bleibt mein Hauptziel, daran zu arbeiten.

 

ZeitPunkt: Ist Roadrunner dafür der optimale Partner?

Steven Wilson: Es gibt keinen optimalen Partner. Aber ich glaube, daß sie in einer besseren Situation dafür sind, als jedes andere Label in der Welt. Einfach, weil man auf einem noch größeren Major einfach einen noch größeren Namen braucht, um eine Aufmerksamkeit zu bekommen, wie sie Coldplay oder Shakira haben. Und dafür bräuchten wir einen Megahit - und wir werden niemals in dieser Situation sein, einfach weil wir andere Musik machen.

 

ZeitPunkt: Laß uns über das neue Album sprechen! Es hat ein relativ hartes Intro - ist im weiteren Verlauf aber eher softer und melodischer als die letzten Alben, oder?

Steven Wilson: Ja, das trifft es wohl, auch wenn ich meine Alben nicht vergleiche, genauso wie ich nichts bewußt plane. Aber die aktuelle Entwicklung ist eine für mich sehr organische Evolution. Es hat am ehesten damit zu tun, welche Musik ich im letzten Jahr gehört habe - und da war nicht viel interessante Metal-Musik dabei. Das war vor ein paar Jahren anders, da hatte ich eine Menge guter Metalbands entdeckt, aber momentan kommt da wirklich nicht viel interessantes, finde ich. Auf dem neuen Album gibt es andere Einflüsse, die man hören kann. Genauso wie man auch andere Entwicklungen hören kann, meine Lebensbedingungen, meinen seelischen Zustand. Beim letzten Album "Fear Of A Blank Planet" war ich sehr wütend über den momentanen Zustand der Welt und der Musikindustrie, die Gewalt, das Download-Problem, und so gab es eine Menge Wut und Zynismus. Beim neuen Album gibt es mehr autobiografisches, manches auch aus komplett anderer Sicht, ganz andere Themen und andere Extreme. Und musikalisch ist das alles eher klassisch umgesetzt.

 

ZeitPunkt: Klassisch?

Steven Wilson: Naja, wir decken im Prinzip das ganze Spektrum der Rockmusik ab - Spacerock, Psychedelic, Industrial, Metal, Pop, Singer/Songwriter, also eine sehr abwechslungsreiche Mischung - während das letzte Album schon eher Metal-lastig war.

 

ZeitPunkt: Also eher ein Potpourri aus den Sachen, die Du über die letzten 15 Jahre besucht hast?

Steven Wilson: Ja, das haben auch schon andere gesagt. Das trifft durchaus zu. Hat ja vielleicht auch damit zu tun, daß ich mittlerweile 40 geworden bin, und das ist ja auch eine Marke, an der man gerne einmal anhält, zurückschaut und Bilanz zieht. Und ganz gerne zurückgreift auf das, was man schon einmal ausprobiert hat - mal etwas spaciges, mal etwas progressives, mal etwas psychedelisches - also eine Kombination aus allem, was Porcupine Tree in den letzten 15 Jahren gemacht haben, ja.

 

ZeitPunkt: Thematisch geht es um Ereignisse ("Incidents"), die unser Leben verändern, bzw. verändern können?

Steven Wilson: Ja, manche Geschichten davon sind selbst erlebte, autobiografische, manche davon sind das genaue Gegenteil, kommen von Leuten, zu denen ich überhaupt keine Verbindung habe, die mich aber so sehr interessiert, fasziniert oder schockiert haben, daß ich sie gedanklich und textlich vertieft und in einen Text umgewandelt habe. Das begann mit einem Autounfall, wegen dessen ich auf der Autobahn im Stau stand. Auf dem Polizeischild stand: "Slow Down, Incident!", und ich stellte fest, daß dieses Wort so lapidar und unpersönlich gebraucht wird und für so vieles stehen kann, was dramatische Folgen haben kann. "Vorfall", was heißt das schon? Ist hier ein Wildschwein über die Straße gelaufen, ist eine Ampel umgekippt, aber es ging eben um einen sehr schweren Autounfall, der wahrscheinlich tragische Folgen für die Familie und die Freunde hatte, wahrscheinlich für Jahrzehnte, und das alles wurde reduziert auf das Wort "Vorfall". Und dann sah ich, wie oft so dramatische Ereignisse in den Nachrichten auf ein einziges, unpersönliches Wort reduziert werden. Ein Erdbeben in Indien, bei dem 5000 Menschen umkommen, ist ein "Incident", eine Entführung, Naturkatastrophen, Mord - alles "Incidents". Aber wenn Michael Jackson stirbt, passiert genau das Gegenteil: Ein Popstar, der seit 20 Jahren kein vernünftiges Album mehr auf die Reihe bekommen hat, ist plötzlich ein Ereignis, bei dem wir unglaublich mitfühlend reagieren sollen, über das wir alle persönlich todtraurig sein sollen wegen des Verlusts - und irgendwie ist dieses Paradoxon, wie der Mensch denkt, und wie die Öffentlichkeit und die Medien arbeiten doch echt krank. Das sind traumatische Ereignisse für so viele Menschen, die auf ein Nichts reduziert werden im Vergleich zu einem Popstar, der schon lange ein Nichts war und plötzlich wieder künstlich zum Leben erweckt wurde. Und diese Betrachtung ließ mich nachdenken über Ereignisse in meinem eigenen Leben, die überwältigend, traurig, dramatisch, wie auch immer bewegend, positiv und negativ waren.

 

ZeitPunkt: Ereignisse, an die Du Dich selbst erinnern konntest?

Steven Wilson: Als ich anfing, darüber nachzudenken, bemerkte ich zwei Dinge: Sachen haben, wenn sie passieren, fast nie die Größe, die sie im Nachhinein haben. Ich bin z.B. in der Nähe eines Bahnhofs aufgewachsen, und diese ganzen Geräusche, die damit zusammenhängen, haben mich extrem geprägt. Das war mir nie bewußt, als ich jung war. Ich hatte nie ein besonderes Interesse an Zügen, aber ich bin für mein ganzes Leben geprägt von diesen Geräuschen, und wenn ich heute einen Zug höre, wird jedes Mal eine ganze Kette von Erinnerungen ausgelöst, die mich total bewegen. Die oft gar nichts mit Zügen zu tun haben, sondern einfach Erinnerungen aus der Kindheit sind, die mir plötzlich lebhaft bewußt werden wegen dieses Auslösers. Züge haben also mein ganzes Leben beeinflußt, gar nicht mal negativ, sondern positiv, aber ich wäre mir niemals bewußt über diese Folgen gewesen. Deswegen habe ich auch so viele Referenzen an Züge in meinen Songs, und die sind nicht einmal bewußt passiert, aber die gehen alle zurück auf meine Kindheit in der Nähe eines Bahnhofs.

Andererseits gibt es Ereignisse, die bestimmt sehr wichtig waren, an die ich mich aber nicht erinnere. Der erste Schultag - was für ein Einschnitt, bestimmt ein traumatisches Erlebnis, aber ich kann mich nicht erinnern. Aber ich kann mich daran erinnern, wie ich am Strand lag und die Sonne beobachtet habe. Oder Tage, in denen ich eigentlich gar nichts gemacht habe, an die ich lebhafte Erinnerungen habe.

 

ZeitPunkt: Noch eine Frage zu Deinen Plänen, endlich auch mal eine Pause zu machen...

Steven Wilson: Haha! Nee, da ist immer noch nichts draus geworden. Der Plan war, 2008 eine Auszeit zu nehmen nach der ganzen "Fear"-Tournee, die mich das Jahr 2007 ziemlich auf Trab gehalten hatte, aber dann habe ich ein Soloalbum aufgenommen, und alles war wieder komplett anders. Letzten Endes ist es einfach sehr schwer für mich, überhaupt abzuschalten. Ich beschäftige mich im Prinzip immer mit Musik, möchte immer kreativ sein und an irgendetwas arbeiten, da kann ich gar nicht einfach ein Jahr still sitzen. Andererseits habe ich mein Soloalbum dann eben auch als eine Art Roadtrip aufgenommen: Ich bin viel herumgereist, während ich dieses Album gemacht habe, ich war in Mexiko, Amerika, Israel, Schweden, Europa, habe viel getrödelt und auch gefeiert, aber habe trotzdem dieses Album nebenbei gemacht, also war es im Prinzip ein Urlaub, den ich aber produktiv genutzt habe.