Pretenders

© Pretenders

Sind die Pretenders eine Band oder die Sängerin Chrissie Hynde mit einer Ansammlung von Musikern? In letzter Zeit vor allem zweiteres - die Frontröhre ist Dreh- und Angelpunkt für die Band. Was die neue Besetzung für die Pretenders bedeutet, erzählte sie ZeitPunkt-Mitarbeiter Ralf Koch anläßlich der Veröffentlichung ihres neues Albums "Break Up The Concrete".

 

ZeitPunkt: Man könnte fast sagen, wir haben hier lange nichts von Dir gehört... Die Pausen scheinen immer länger zu werden, oder?

Chrissie Hynde: Hmm, das hab ich schon mal gehört. Tatsache ist, daß ich keine sehr ambitionierte Person bin. Musik ist nicht mein Leben, ich habe noch andere Dinge.


 
ZeitPunkt: Das heißt, sie spielt eine immer kleinere Rolle?

Chrissie Hynde: Nein, gar nicht mal, aber es gibt andere Dinge nebenher. Und ich habe eine Paranoia, daß ich die Öffentlichkeit nur langweilen würde, wenn ich ständig was neues auf den Markt schmeiße. Ich muß auch gar nicht immer im Mittelpunkt stehen. Ich bin eine ganze Weile durch Brasilien getourt mit ein paar Musikern und habe ein paar andere Dinge getan, aber ich muß das nicht an die große Glocke hängen.

 

ZeitPunkt: Wovon hängt es dann ab, ob Du ein neues Album veröffentlichst?

Chrissie Hynde: Nun, es wurde langsam peinlich. Ich bin getourt und hatte keine neuen Songs. Also dachte ich, wir sollten ein neues Album machen. Ich hatte eh ein paar Songs in meinem Kopf.


 
ZeitPunkt: Es gab schon rockigere Zeiten der Pretenders - und über die Jahre viele Besetzungswechsel - inwieweit hat das miteinander zu tun?

Chrissie Hynde: Ich denke, das neue Album hat eine Menge amerikanischer Wurzeln, das kommt von unserem Pedal Steel-Gitarristen. Ich habe einen richtigen Gitarrenheld in der Band. Und ich habe einen Bassisten, der eigentlich aus dem Punk kommt - ich glaube, wir sind momentan so dicht am orginalen Pretenders-Sound, wie lange nicht mehr. Ich habe zwei Bandmitglieder in einem Jahr verloren, das war wirklich hart. Jimmy Scott, mein Gitarrist, war 25 als er gestorben ist und ich glaube, daß ich endlich jemanden gefunden habe, der ihn wirklich ersetzen kann. Ich meine, ich hatte tolle Bandmitglieder, habe viele tolle Freunde gefunden, aber musikalisch ist dies wirklich das, womit ich angefangen hab.

 

ZeitPunkt: Aber inwieweit kommen die musikalischen Ideen von Dir?

Chrissie Hynde: Ich schreibe die Songs und habe eine Vision in meinem Kopf, wie sie klingen sollen, aber ich bin nur eine Person, nur der Komponist und der Dirigent mit seinem Stab. Der Sound kommt im Endeffekt von der Band.

 

ZeitPunkt: Auch die Aufnahmeart war beim neuen Album anders. 

Chrissie Hynde: Ja, wir hatten keinen Produzenten und haben das ganze Album in nur elf Tagen aufgenommen. Das ist also schon fast live aufgenommen.

 

ZeitPunkt: Wessen Idee war denn?

Chrissie Hynde: Nicht meine, das kannst Du mir glauben. Aber Platten werden nicht mehr verkauft, also müssen sich die Plattenfirmen immer wieder neue Marketingstrategien ausdenken. Warum also nicht ein kostenloses Best-Of dazu kriegen? Platten sind doch eh zu teuer. Ich meine, es ist doch nur logisch, daß die Leute anfangen, sich Platten runterzuladen, wenn die so teuer sind. Ich würde mich freuen, wenn sich die Musikindustrie selbst zerstören würde durch den Scheiß, den sie machen. Die spinnen doch wirklich, was die für Geld um sich schmeißen. All diese Multi-Millionen-Dollar Verträge, das muß doch nicht sein. Also haben die Leute angefangen, sich ihr Recht zurückzuholen und klauen die Musik. Fein für sie, mach ich auch. Wenn man allerdings immer noch Alben an den Mann bringen möchte, dann muß man sich eben etwas einfallen lassen. Wenn man nur einen Song hört, verpaßt man doch das Beste.

 

ZeitPunkt: Das letzte Album war auf einem kleinen Label, das neue wieder auf einem Major...

Chrissie Hynde: Geschäfte, darum kümmert sich das Management. Vor "Loose Screw" waren wir rausgeschmissen worden, weil wir nicht genügend Platten verkauft hatten. Bevor wir das neue Album aufgenommen haben, hatten wir auch noch keinen Deal, wir hatten jahrelang keinen Deal. Aber das ist nicht mein Problem. Ich habe meine Band und freue mich auf die nächste Tour.

 

ZeitPunkt: Inwieweit hat sich denn die Wertigkeit von Musik in Deinem Leben geändert?

Chrissie Hynde: Nicht groß. Meine Kinder sind erwachsen, da habe ich eine Menge Zeit, kann mich also auch noch um andere Dinge kümmern. Und ich habe ein Privatleben und fühle mich auch nicht wie ein Rockstar, wenn ich nicht auf der Bühne stehe. Nenne es einen seltsamen Geschmack, aber meine Idee von einem guten Abend mit einem Typen ist es, einen Bus ins West End von London zu nehmen, oder wo ich auch gerade bin, und irgendwo auf einer Treppe zu sitzen und einen zu rauchen. Ich brauche keine Star-Allüren. Ich war neulich beim Bob Dylan Konzert und ich stand in der Schlange für mein Ticket. Und ein Typ von den Hells Angels, den ich kannte, kam vorbei und ich sagte hallo, und er fragte, warum ich nicht zum VIP Eingang gehen würde. Da sagte ich nur, geh Du durch den VIP Eingang, ich fühle mich hier wohl. Das ist kein Leben für mich, ich brauche das nicht.

 

ZeitPunkt: Du hättest also kein Interesse mehr, zu den Tagen größeren Erfolgs zurückzukehren?

Chrissie Hynde: Warum nicht? Wenn ein Song ein Hit werden würde, klar, würde ich auch mitmachen. Ich hatte auch damit nie Probleme.

 

ZeitPunkt: Ich habe letztens mit Deinem Ex-Mann, Jim Kerr gesprochen - die hatten ja auch durchaus ruhigere Zeiten und sind mit dem letzten Album wieder auf die größere Spur gewechselt...

Chrissie Hynde: Ich habe keine Ahnung, was Jims musikalische Seite angeht, da hab ich in den letzten Jahren wenig mitgekriegt. Ich glaube auch, daß die Pretenders und die Simple Minds wenig gemein haben. Da könntest Du lieber über die Pretenders und "Kings of Leon" sprechen, da gibt es mehr Gemeinsamkeiten.


ZeitPunkt: Wobei gerade das neuere Album die Rockseite ja wieder etwas zurückfährt. Da könnte ich schon lieber den PJ Harvey-Faktor mit einbringen, der Deine Musik immer vor zu großer Seichtigkeit bewahrt hat. Ich meine, es gab immer so eine schräge Seite darin, oder?

Chrissie Hynde: Hmm, interessanter Gedanke. Ehrlich gesagt, hat mich noch nie jemand mit PJ Harvey in Verbindung gebracht, aber so wie Du das darstellst, macht es einen Sinn. Ich habe immer eher die Pop-Seite gesehen.

 

ZeitPunkt: Eine Sache, die wirklich anders ist auf dem neuen Album, ist übrigens auch, daß es überhaupt keinen Reggae-Song gibt!

Chrissie Hynde: Nein, das stimmt. Als wir "Loose Screw" aufnahmen, wollten wir ein reines Reggae-Album aufnehmen, deswegen waren wir ins Studio gegangen. Du weißt, was dabei herausgekommen ist...
Ich glaube, die Produzenten... - na ja. Dieses Mal hatten wir jedenfalls keinen Produzenten, der uns irgendwas vorgeben konnte.

 

ZeitPunkt: Inwieweit wird sich der Sound der aktuellen Band auf den Sound der alten Hits auswirken?

Chrissie Hynde: Oh, es hat eine Menge Frische reingebracht. James Walbourne ist so dicht an Jimmy Scott und bringt darüber hinaus noch seine eigene Seite mit rein. Und er spielt die Songs jeden Abend anders. Dazu kommt die Pedal Steel von Eric Heywood und die bringt natürlich auch für die alten Sachen eine echte Veränderung.