Reamon

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ZeitPunkt: Glückwunsch zum neuen Album - für mich ein weiteres Beispiel dafür, was es ausmachen kann, wenn man einen spannenden Opener hat!
Rea Garvey: Ja, find ich auch. Das war der letzte Song, den wir aufgenommen haben. Wir waren vorher nie zufrieden damit und ich wollte den unbedingt noch einmal probieren, also haben wir uns den noch einmal vorgenommen, haben noch ein bisschen mehr Rock hineingebracht, und dann hats geklickt. Ich kann mich aber auch begeistern für vieles auf der Platte, was von anderer Seite kommt.
ZeitPunkt: Das heißt, die neuen Produzenten haben Euch besser verstanden, als Ihr Euch selber?
Rea Garvey: In diesem Fall kam die Idee sogar vom Keyboarder, aber manchmal ist man so auf sich selber fixiert, daß man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Deswegen arbeite ich eben gerne mit anderen Leuten zusammen, bin auch sehr offen für die Ideen von anderen. Und ich kann mich auch mehr für ein Album begeistern, wenn ich weiß, wie viele Leute sich da eingebracht haben.
ZeitPunkt: Das neue Album bringt Euch noch ein bißchen näher an Stadion-Acts, wie U2, oder?
Rea Garvey: U2 sind natürlich eine Wahnsinns-Stadionband, Coldplay sind auch gut, aber musikalisch weiß ich nicht, ob man das so vergleichen muss. Aber es gibt eben diese Momente, die man im Hinterkopf behält, wenn man einfach erschlagen ist, wenn man einen Schritt zurück gehen muss, um das alles zu fassen, wenn man geblendet ist von der Musik und den Emotionen und von dem Alarm - und solche Sachen beeinflussen natürlich das Songwriting auch.
ZeitPunkt: Ihr hattet drei verschiedene Produzenten - inwieweit haben die sich auf die Songs ausgewirkt?
Rea Garvey: Ganz unterschiedlich - auf die Songs, auf die Produktion, auf die Emotionen - oder auch einfach auf den Aufnahmemix, da hat Chris (Lord-Alge) einfach einen tollen Job gemacht. Und gerade, daß alle sich auf ihre ganz eigene Art einbringen konnten, hat dieses Album so reich gemacht.
ZeitPunkt: Brian Howes hat zuletzt die Alben von Chris Cornell, Daughtry und Hinder aufgenommen - das sind ja eigentlich noch härtere Baustellen als Reamonn...
Rea Garvey: Absolut, aber das Gute ist, daß Brian einfach gut darin ist, zu interpretieren, anstatt einfach nur seinen Stempel aufzudrücken. Wir waren zugegeben erst nicht ganz sicher, wie das klappen würde und was er mit uns machen würde, aber es hat sofort gefunkt.
ZeitPunkt: Nicht ganz sicher heißt... ihr wolltet nicht unbedingt in seine härtere Ecke? Immerhin hattet Ihr auf Eurem Debütalbum ja auch noch ein paar mehr Ecken und Kanten.
Rea Garvey: Die haben wir jetzt vor allem in unseren Live-Shows, das stimmt. Auf unseren Platten dominieren heute eher die Balladen, das stimmt schon. Aber es ist auch schwer, das so auf die Platten zu übertragen.
ZeitPunkt: D.h. die "Live-Kanten" kommen von den frühen Scheiben - mit Brian hätte man jetzt die Chance nutzen können, mal wieder einen neuen Kracher dazuzulegen.
Rea Garvey: Die Musik war schon fertig, bevor wir ihn getroffen haben (lacht). Er hat sich ausgesucht, welche Songs er gern mit uns aufnehmen möchte. Aber ich denke, der Schlüssel ist einfach, daß man sich selber spielt, nicht irgendjemanden nimmt, der einen irgendwo hinbringt.
ZeitPunkt: Naja, wie gesagt, ihr hattets selber mal, es ist nur über die Jahre verloren gegangen.
Rea Garvey: Ich glaube, die erste Platte war eine typische erste Platte. Seit dem sind wir älter geworden, gewachsen, haben uns verändert. Gleichzeitig kann man aber auch sagen, daß "Faith" z.B. sehr wohl rockt! Und wir sind immer noch eine Rock-Band, wenn wir schon bei Definitionen sind. Aber die Eagles würde ich auch eine Rockband nennen.
ZeitPunkt: Gibt es überhaput andere Bands, die eine Wirkung auf Euch haben?
Rea Garvey: Natürlich. Ich mag Chris Cornell z.B. oder die Red Hot Chili Peppers. Und ich liebe es, "storytelling songs" zu hören, also Songs mit Geschichten und ich glaube, daß wir da auch ganz gut reinpassen. Aber an solche Sachen denken wir auch nicht, wenn wir eine Platte machen. Zumindest nicht mehr. In das zweite Album haben wir uns reinreden lassen - und das war im Endeffekt unsere am wenigsten erfolgreiche Platte. Und beim dritten Album haben wir einfach drauf gesch... und ab dann lief es wieder. Man darf sich da gar nicht so viele Gedanken machen.
ZeitPunkt: Hat sich für Euch eigentlich was geändert mit dem Wechsel zur neuen Plattenfirma?
Rea Garvey: Hmm. Wir sind auf jeden Fall im richtigen Moment abgesprungen und wir sind sehr weich gelandet, also können wir vielleicht einfach froh sein, daß sich glücklicherweise eben nicht so viel geändert hat für uns. Bei Virgin gab es einfach die alten Leute nicht mehr. Und bei Universal gibt es zwar wenige aus der alten Garde, aber sie machen gute Arbeit. Und trotz aller Veränderungen im Musikbusiness würde ich immer bei der Industrie bleiben. Das sind Leute, die leben nicht nur von, sondern vor allem für die Musik. Und gerade in dieser harten Zeit überleben genau da nämlich die Leute, die einfach daran glauben und die nötige Energie zu investieren bereit sind.
ZeitPunkt: Es scheint, die Pausen sind für Euch etwas länger geworden...
Rea Garvey: Ich hatte gar nicht das Gefühl... Eine gute Platte braucht seine Zeit! Wir hätten es schneller angehen können, aber manches macht auch einfach noch keinen Sinn.
ZeitPunkt: Außerdem gibt es Eure Clubtourneen nicht mehr... die kleinen Akustikshows in den Irish Pubs.
Rea Garvey: Dafür haben wir neulich zumindest eine Clubshow für Fans gespielt, die man als Internetstream sehen konnte (livedome.com). Und diese Möglichkeiten werden sich immer ergeben, denn ich schreibe nicht Musik für mich, sondern für die Welt, sonst könnte ich auch gleich in meinem Zimmer bleiben. Damals waren die Irish Pubs die Plattform, um direkt an die Fans zu kommen, heute ist u.a. auch das Internet ein Weg, dahin zu kommen. Ich sehe Dinge nie nur so oder so, ich probiere gerne die Möglichkeiten aus und nutze sie.
ZeitPunkt: "Für die Welt" ist natürlich durchaus ein Stichwort, wenn man das neue Album hört, oder?
Rea Garvey: Von mir aus gerne, wir haben unser Bestes gegeben, nun werden wir die Platte den Rest machen lassen müssen. Ich denke, daß...
ZeitPunkt: Das war im Prinzip auch, was ich mit den U2-Vergleichen eingangs gemeint hatte - der weitere Schritt auf ein internationales Level.
Rea Garvey: Die ich auch nicht falsch verstanden habe. Ich bin auch U2-Fan genug, um das als Kompliment zu verstehen.
ZeitPunkt: Wobei die, wenn man das so sagen darf, auch ein paar mehr Experimente gewagt haben..
Rea Garvey: Ja, das stimmt, ich weiß nicht, ob ich die alle empfohlen hätte.
ZeitPunkt: Aber im Nachhinein haben die sie auch weitergebracht oder? Experimente sind bei Euch ja eher rar.
Rea Garvey: Ich weiß nicht, ob "Pop" sie wirklich weitergebracht hat, aber ich weiß, was Du meinst. Aber wir haben unser "Joshua Tree" noch nicht geschrieben. Wenn diese neue Platte unser "Joshua Tree" geworden ist, dann können wir auf dem nächsten Album auch experimentieren.
ZeitPunkt: Wann wird sich das herausstellen?
Rea Garvey: Schon bald. Ich meine, für mich ist es schon die "Joshua Tree", aber jetzt ist die Frage, wie das der Rest sieht.
ZeitPunkt: Und experimentieren darf man erst danach?
Rea Garvey: Ja, ich finde schon, daß man sein Meisterwerk vollbracht haben muß. Warum soll man etwas verändern, was Du selber noch nicht perfektioniert hast?

