Rebekka Bakken

© Rebekka Bakken

Die Norwegerin hatte zunächst in der Jazzszene einige interessante Kollaborationen - u.a. mit Wolfgang Muthspiel oder Julia Hülsmann - bevor sie begann, Soloalben zu veröffentlichen. Und auch wenn ihre Musik oft von Elementen des Jazz beeinflußt war, die sie auf sehr eigene Weise mit Pop und Folk-Elementen zusammenbrachte, wollte sie selbst von dieser Schubladisierung nichts wissen. Ihr viertes und jüngstes Album "Morning Hours" zeigt sie dann auch von einer sehr viel mehr direkten Weise. ZeitPunkt-Redakteur Ralf Koch sprach mit ihr bei ihrem jüngsten Deutschlandbesuch - im Zuge dessen sie Ende Januar auch ein Konzert in Leipzig gab.

 

ZeitPunkt: Ziehst Du Englisch vor - ich hörte, Dein Deutsch ist auch nicht so schlecht...

Rebekka Bakken: Ja, es geht, aber für unser Gespräch ist es leichter für mich, englisch zu sprechen.

 

ZeitPunkt: OK, kein Problem. Es ist ja auch schon spät am Abend. Apropos: Bist Du ein Frühaufsteher?

Rebekka Bakken: Hmm, manchmal. Eigentlich stehe ich lieber spät auf, aber momentan bin ich gerade in einer Phase, in der ich durchaus auch gerne mal morgens aufstehe.

 

ZeitPunkt: Und genießt die Morgenstunden? Oder worauf bezieht sich der Albumtitel?
 
Rebekka Bakken: Oh, absolut! Für mich sind die ersten Stunden des Tages ganz wichtig. Die Gedanken sind noch ganz frei, man ist offen für das, was noch kommt. Und das sind die ersten Stunden jedes Tages, ganz egal, wie früh man aufsteht. Früh ist ohnehin relativ, das muß jeder für sich selbst definieren.


 
ZeitPunkt: Laß uns über das Album sprechen. Hat sich etwas geändert? Was ist neu für Dich?

 
Rebekka Bakken: Hmm, muß ich das sagen? Es sind meine Songs und ich mache immer einfach das, wonach ich mich fühle. Ich hoffe, daß ich mich weiter entwickele, daß mein Songwriting besser wird, aber ich lege es nicht unbedingt darauf an, mich neu zu definieren. Ich probiere nur hin und wieder etwas Neues aus.

 

ZeitPunkt: Immerhin ist die Band schon mal neu.

Rebekka Bakken: Ja das stimmt, aber das ist nicht ungewöhnlich für mich. Ich nehme gerne mit neuen Leuten auf. Das hilft mir, die Sachen in neuem Licht zu sehen. Ob es mir dann gelungen ist, mußt Du entscheiden! Also? Was sagst Du?

 

ZeitPunkt: Nun, ich würde es zunächst einmal als reduzierter bezeichnen - was die Songs noch fragiler macht, als sie früher ohnehin schon waren...

Rebekka Bakken: Ja, das stimmt, und ich bin froh darüber, daß Du das sagst, denn so sehe ich das auch. Ja, sie sind reduzierter, rauer, zurück zu den Wurzeln, und ich war selbst überrascht, daß meine Songs gar nicht mehr brauchen, als das. Die Songs können so nackt für sich stehen, wie sie sind. Ich habe das Album nach den Aufnahmen erst einmal gar nicht gehört, weil ich nicht den Eindruck hatte, daß sich etwas von dem verändert hatte, als was ich ihnen gegeben hatte. Und das war ein ganz komisches Gefühl. Ich war eins mit den Songs. Und wenn ich das Album jetzt höre, liebe ich es!

 

ZeitPunkt: Du sagst "Zurück zu den Wurzeln" - zu Deinen? Ist das, woher Du kommst?

Rebekka Bakken: Ja, so habe ich angefangen, Songs zu schreiben. Solche Musik habe ich gehört, als ich vor der Anlage saß und mich etwas bewegen sollte. Und ich habe das Gefühl, auf diesem Album konnte ich das genauso wiedergeben. Wir haben neulich eine Show gespielt und ich habe zum ersten Mal einen John Hiatt Song gecovert: "Real Fine Love". Ein absoluter Männersong, so ein Rock`n`Roll-Country Song, ein Song, den ich früher so geliebt habe, und den ich wirklich vermißt habe. Und plötzlich habe ich das Gefühl, daß ich diesem Song nähergekommen bin, als ich je war.

 

ZeitPunkt: Aber das ist Hemdsärmel-Rock! Und damit doch ziemlich weit entfernt von den Songs auf Deinem neuen Album, oder?

Rebekka Bakken: Naja, in "Powder Room Collapse" werde ich auch laut! Und ich liebe die Rockgitarre. Es gibt in vielen Songs Platz für genau das. In "Like Cologne" oder "Ghost In This House" zum Beispiel. Da sind Elemente drin, die eine Brücke in meine frühe Zeit zulassen. Naja, jedenfalls sind das meine Wurzeln, das war die Musik, die ich gehört habe, als ich meine erste Stereoanlage bekommen habe.

 

ZeitPunkt: Es ist trotzdem ein wenig überraschend... Ich hatte mich eigentlich schon früher gefragt, ob Du nicht auch einmal den Wunsch hättest, über diese Zerbrechlichkeit hinauszugehen. Das neue Album ist ja eher noch fragiler - und jetzt kommst Du und sprichst von RocknRoll...

Rebekka Bakken: Ja, für mich hat dieses Album viel davon, auch wenn es keine lauten Gitarren und Geschrei und kopflose Körper gibt. Ich weiß auch nicht, warum so viele meinen, es sei nur fragil - oder melancholisch. Ich sehe da überhaupt keine Melancholie. Ich bin auch alles andere als depressiv, deswegen kann ich da gar nichts mit anfangen.

 

ZeitPunkt: Nun, Du hast mit Deiner sehr eigenen Mischung aus Pop, Jazz und Folk schon sehr oft auch viel Melancholie drin gehabt.

Rebekka Bakken: Ja, findest Du? Ich liebe Balladen, und ich schreibe ja auch, um mich selbst zu unterhalten, deswegen schreibe ich auch viele Balladen. Aber ich sehe mich nicht als melancholisch, aber vielleicht denke ich das ja auch nur und habe gar nicht gemerkt, wie melancholisch ich geworden bin...

 

ZeitPunkt: Du siehst Dich eigentlich eher als fröhlichen Mensch?

Rebekka Bakken: Ja, absolut. Ich erinnere mich, daß ich als Teenager traurig war, aber das war eine andere Zeit. Das macht jeder von uns mal durch, aber damit bin ich eigentlich durch.

 

ZeitPunkt: Aber Melancholie muß ja auch nicht nur Trauer sein, oder? Melancholie kann ja auch hin und wieder ganz schön sein...

Rebekka Bakken: Ja? So hab ich das noch nicht gesehen. Ich möchte jedenfalls nicht als traurig gelten, denn das bin ich nicht!


ZeitPunkt: Gibt es ein übergreifendes Thema für Dich auf diesem Album?

Rebekka Bakken: Interessante Frage. Habe ich noch nicht drüber nachgedacht, aber ich erinnere mich, als wir für die Tour geprobt haben, und wir die Songs durchgegangen sind, daß mir aufgefallen ist, wie gut die Songs zusammenpassen. Sogar die, die nicht von mir sind. Als wenn sie eine musikalische Einheit sind. Naja und textlich... letzten Endes handeln fast alle meine Songs von der Liebe. Mehr oder weniger. Es geht doch alles um Liebe.

 

ZeitPunkt: Ich fragte mich nur, ob dieser neue, nacktere Ansatz, eine thematische Konsequenz war, oder wo die Idee dafür herkam?

Rebekka Bakken: Es ging um genau die Herausforderung für mich, zu sehen, daß die Songs genau so funktionieren. Ganz ohne große Produktion. Ohne Make-up. Das ist für mich genau der Vergleich. Ohne Make-up durch die Stadt zu laufen. Die Songs nicht auf Hochglanz zu bringen. Das war die Herausforderung für mich. Und es war eine wundervolle Erfahrung.

 

ZeitPunkt: Du bist in erster Linie über die Jazz-Szene bekannt geworden - Dein neues Album platziert Dich eher in der Singer/Songwriterszene...
 
Rebekka Bakken: Wo ich mich ohnehin immer schon gesehen habe. Ich halte von Kategorisierungen nicht so viel. Ich schreibe meine Songs und ich singe sie. Punkt. Aber es ist richtig, es waren die Kontakte mit der Jazz-Szene, die mich einem breiten Publikum vorgestellt haben.

 

ZeitPunkt: Würdest Du gerne eine Hitsingle landen?

Rebekka Bakken: Klar, warum nicht? Als ich in Wien lebte, hatte ich einen Nachbarn, dem ich alle meinen neuen Songs vorgespielt habe. Seit ich in Schweden wohne, habe ich diese Person noch nicht gefunden, aber Tatsache ist, daß ich gerne teile. Und ich mich gerne mitteile. Und einen Hit zu haben, bedeutet ja auch, von viel mehr Menschen gehört zu werden, also mit viel mehr Menschen zu teilen. Und das würde mich glücklich machen.

 

ZeitPunkt: Muß man das beachten, wenn man einen Produzenten auswählt?

Rebekka Bakken: Nee, so könnte ich nicht arbeiten. Wenn ich Songs schreibe, habe ich nichts als mich selbst im Kopf. Da könnte ich niemanden sonst im Kopf haben, es sei denn, sie sind die Quelle für meine Inspiration, ansonsten würde alles stoppen.
Also könnte ich auch nie mit oder für einen Produzenten schreiben. Ich kenne Songwriter, die können das, und ich bewundere, was sie machen, aber das ist nichts für mich selbst. Man weiß eh nie, was ein Hit ist, warum sollte man sich also diesem Streß aussetzen, zu versuchen, einen zu schreiben?

 

ZeitPunkt: Und Deine Plattenfirma hat kein Problem damit?

Rebekka Bakken: Nein, ich habe sie sogar gefragt, als ich zu Universal Deutschland gewechselt bin... ich erzähle Dir viel zu viel... aber ich habe sie jedenfalls gefragt, ob sie einen Radiosong bräuchten, aber sie sagten genau, was ich gerade gesagt habe: Nein, arbeite nicht so! Und ich war sehr froh über meine Entscheidung, zu ihnen gewechselt zu sein.

 

ZeitPunkt: Jetzt gehts wieder auf Tour - wie verbringst Du Deinen Tour-Alltag?

Rebekka Bakken: Wir machen nicht viel. Man entspannt viel. Und wir essen sehr gut. Mit der ganzen Band. Das ist sehr schön. Und wir trinken gerne ein Glas Wein. Ich mußte jetzt EIN Glas sagen.

 

ZeitPunkt: Änderst Du Deine Setliste während der Tour?

Rebekka Bakken: Ja, ständig. Heute haben wir vier Songs gespielt, die nicht auf der Liste standen. Da sind wir immer sehr offen für Stimmungen. Meinetwegen auch Wünsche.

 

ZeitPunkt: Auch innerhalb der Songs?
 
Rebekka Bakken: Ja, auch das hängt viel von den Stimmungen ab. Von der Situation. Es geht nicht um Improvisation nur der Improvisation willen. Aber wenn es sich anbietet und wir wollen, dann kann das jederzeit passieren. Da hast Du`s - das ist meine Jazz-Ader... (lacht).