Sie hatte an alles gedacht…

… bloß nicht an den eigenen Untergang, die Stasi. Sie war "Schutzschild der Partei", permanent vorbereitet auf den "Ernstfall". Offiziell schützte sie die Bürger vor dem äußeren Feind, in Wahrheit ging es aber um den Schutz der Machthaber vor inneren Feinden. Und da war kein Aufwand zu groß. Das zeigte ein Besuch im Stasi-Bunker- Museum Machern, das im September sein 15-jähriges Bestehen beging, u. a. mit einer von Tobias Hollitzer, Stasiunterlagenbeauftragter und Geschäftsführer des Bürgerkomitee Leipzig e. V., geführten Pressetour nach Machern.
Akribisch hatte auch die Leipziger Stasizentrale eine geheime Kommandosache zur Mobilmachung im Ernstfall vorbereitet. Das Jahr 1989 hätte so ausgehen können: 3 000 Leipziger, die als feindlich-negativ galten, sollten festgenommen, weitere 11 000 in Isolierungslager gesperrt und mehr als 70 000 überwacht werden. Zugleich hätte sich die Stasiführung selbst in Sicherheit gebracht, und zwar in ihrem geheimen, 1972 fertiggestellten Bunker. Stets standen Fahrzeuge im Hof bereit für die Verlegung der Zentrale aus der "Runden Ecke" nach Machern.
Es gab Order, die Liste der IM mitzunehmen, damit auch von dort aus die Spitzelarbeit fortgesetzt werden konnte. 27 Minuten waren geplant, um den Stasichef mit rund 100 Mitarbeitern über die F 6 in die "Ausweichführungsstelle" zu bringen, fand das Bürgerkomitee heraus. Im Bunker existiert die Stasizentrale praktisch noch einmal. Auf ca. 4 000 Quadratmetern wurden Arbeitsräume für den Chef, seinen Stellvertreter und die Sekretärin eingerichtet. Telefon, Nottelefon, Chiffriermaschinen, Fernschreiber, Schreibmaschinen in schmalen Betonbuchten. Der Chef hatte sogar eine Wohnstube, für den Rest gab es dreistöckige Betten, die es schichtweise zu nutzen galt.
Überlebenstechnik wie Dekontaminationsdusche, Dieselaggregat, Sauerstoffpatronen oder eine per Hometrainer betriebene Belüftung und ein Trinkwassertank sollten das Überleben für sechs Tage ermöglichen. Vor einer Ortung sicherte man sich, indem man die Funkstation 3 Kilometer entfernt stationierte. Vor Neugierigen schützten nicht nur doppelte Absperrungen, sondern auch erfundene Geschichten vom Betriebsferienobjekt. Etliche Bauten – Eigenheim des Bunkerkommandanten, Bungalows, Garagen im Wald – sollten Normalität vortäuschen. Eine große Halle tarnte die beiden Eingänge zum Bunker in 5 Metern Tiefe. Scharfe Hunde wachten an Laufl einen.
Das Versteck schien perfekt. An der Strecke von der Runden Ecke zum Bunker gab es weitere perfekt getarnte Ausweichquartiere der Stasi, z. B. im Berufsschulzentrum in Borsdorf oder im Hotel "Zur Kastanie" in Gerichshain. Doch bekanntlich hatten DDR-Führung und Stasi den Blick für die Realität verloren. So wurde die Stasizentrale von jungen, zornigen Leuten wie Hollitzer besetzt. Den Macherner Bunker hatte der Gemeindepfarrer Gottfried Süß entdeckt.
von Margitta Pötzsch

