Simple Minds

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"Black & White“ hieß die letzte Veröffentlichung, mit der sich die Simple Minds mit einem Paukenschlag zurückmeldeten und mit der sie es auch zurück auf die Erfolgsspur vergangener Tage schafften. Was wohl auch der Grund ist, weshalb die Zeitspanne seit dem kürzer scheint, denn die Band um Sänger Jim Kerr hat in der Zwischenzeit vor allem live immer wieder von sich Reden gemacht. Jetzt gibt es mit "Graffiti Soul“ den nächsten Knaller, der sich klanglich an den Großtaten der Band orientiert und sich auch qualitativ mit ihnen messen lassen kann. ZeitPunkt-Mitarbeiter Ralf Koch sprach mit Jim Kerr.
ZeitPunkt: Ich war überrascht, daß es schon vier Jahre her ist seit "Black & White"...
Jim Kerr: Ich kann es selber nie glauben, wie schnell die Zeit vergeht - wir haben gerade unser 30jähriges Bühnenjubiläum gefeiert - für mich sind das gefühlte 15!
ZeitPunkt: Klanglich beginnt das neue Album da, wo das letzte Album aufgehört hat, oder?
Jim Kerr: Ja, das kann man durchaus so sagen, aber ich würde dazu gerne etwas weiter ausholen: Vor sieben Jahren war es sehr schwer für die Simple Minds, die schwerste Zeit, die wir überstehen mußten. Ideen fehlten, wir wurden unzufrieden - aber das ist vorbei! Die letzten fünf, sechs Jahre ging es wieder bergauf, wir konnten das Auto wieder in die richtige Richtung wenden und es sogar wieder auf Fahrt bringen - und das letzte Album war wirklich ein Album, mit dem wir sehr zufrieden waren. Nicht einmal die Tatsache, daß unsere Plattenfirma plötzlich verschwand, hat uns groß zurückgeworfen.
ZeitPunkt: Verglichen mit dem "Black & White"-Album ist "Graffiti Soul" melodischer, weniger elektronisch, sphärischer, atmosphärischer, harmonischer und auch poppiger.
Jim Kerr: Ja, das klingt gut, weil es von fast allem eine Steigerung war (lacht). Ich hoffe, das war, was Du damit andeuten wolltest (lacht noch mehr). Und das paßt, denn ich sag Dir, was wir mehr hatten: Wir hatten mehr Selbstbewußtsein für das neue Album. Mehr Feeling, daß das was wir machen, richtig ist.
ZeitPunkt: Wovon handeln die neuen Songs?
Jim Kerr: Nun, generell gibt es ein Thema auf dem Album, das die Simple Minds geerbt haben - ich habe oft das Gefühl, daß manche Bands sich immer wieder mit ganz bestimmten Themen beschäftigen, und in unserem Fall ist das das Thema des Übergangs, des Herumziehens, des Umherwanderns - physisch, spirituell und auch musikalisch.
ZeitPunkt: Wie viele Songs hattet Ihr, aus denen ihr auswählen konntet?
Jim Kerr: Um 8 oder 10 Songs zu haben, die als Album zusammenpassen, muß man an ungefähr 20, 25 Ideen arbeiten, aus denen man dann auswählen kann. Und daraus versuchen wir dann, ein Album zu gestalten - auch wenn ich weiß, daß es nicht mehr viele gibt, die ein Album überhaupt als Einheit hören, anstatt daß sie sich nur einzelne Songs downloaden, aber schon für uns müssen wir immer noch in dieser Einheit denken. Man muß immer an einem Pool an Ideen arbeiten. Manchmal hat man einen Song, hat die Melodie, aber man kommt nicht auf das richtige Arrangement - die Zeit ist falsch, das Tempo ist falsch; manchmal weißt Du, es ist ein guter Song, aber Du kommst nicht drauf, was daran nicht paßt. So schleppe ich manchmal Songs über 6, 7 Jahre mit mir herum. Und plötzlich sitzt Du im Auto und denkst, hey, jetzt weiß ich, was es ist, was fehlt.
ZeitPunkt: Du behältst also die ganzen Ideen irgendwo?
Jim Kerr: Ja, sie sind alle irgendwo katalogisiert. Das ist das Gute an diesem iPod-Quatsch, man kann über diese Random-Funktion plötzlich all diesen ganz alten Ideen begegnen - ein Song, der Jahre alt ist, von dem Du plötzlich denkst, wow, was ist denn das für ein Piano-Ding hier. Das kannte ich gar nicht mehr. Und wie gesagt, Jahre später kann es dann plötzlich viel besser ins Bild passen.
ZeitPunkt: Während der letzten Tournee hattet ihr angefangen, das "New Gold Dream" Album zu spielen, wie kam es dazu?
Jim Kerr: Nun, die Simple Minds waren nie besonders gut darin, zurückzublicken, weil wir uns immer lieber auf neue Ideen konzentriert haben und dann haben wir immer gesagt, zurückblicken können wir ein anderes Mal. Aber das letzte Jahr war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Wir hatten 30jähriges Bühnenjubiläum, und es gab zwei Möglichkeiten, wie man darüber denken kann: entweder wir ignorieren es, ich meine, wer will schon mit seinem Alter angeben, oder aber man feiert es, ich meine, wen kümmert es? Und es gibt ja auch gute Gründe, 30 Jahre zu feiern - Mick Jagger macht das seit 45 Jahren, Lou Reed auch! Also haben wir uns dafür entschieden und dann kamen wir auf das Album, das vielleicht nicht unser kommerziell erfolgreichstes war, aber das oft als künstlerischer Meilenstein betrachtet wird. Und Tatsache war, daß wir viele Songs davon nie live gespielt hatten, also war auch das etwas ganz besonderes. Diese Retro-Sache ist mal ganz lustig, aber nur, wenn dein neues Album die gleiche Vitalität und Energie hat und nicht wie von einer dreißig Jahre alten Band klingt, sondern von einer Band, die hungrig ist, heiß darauf, Eindruck zu hinterlassen. Und das war der Deal, den wir mit uns selbst gemacht haben.
ZeitPunkt: Was passierte damals mit dem Album "Our Secrets Are The Same"? Habt Ihr entschieden, das nicht zu veröffentlichen, oder war es die Plattenfirma?
Jim Kerr: Irgendwie wußten wir alle nicht, wo wir es hinstecken sollten. Wir lieferten denen ein Album und sie konnten nichts damit anfangen. Es war uns allen nicht fokussiert genug. Früher gab es Übergangsalben, Alben, wenn man von A nach B geht, konnte man auch mal ein Album haben, das weder zu dem einen noch zum anderen paßt, aber die Zeiten haben sich geändert. Und als wir ihnen das Album vorspielten, sagten sie, es wäre gut, aber sie wußten nicht, wie sie es vermarkten sollten. Also sagten wir zunächst, laßt es ein bißchen liegen und überlegt, was wir damit machen. Aber die Monate vergingen und nichts passierte, bis wir irgendwann sagten, hey, vergeßt es. Es muß auch immer einen Plan B und C geben (lacht).
ZeitPunkt: Als ich damals hörte, daß Du nach Italien gezogen bist und ein Hotel aufgemacht hast, dachte ich, daß ein ganz neuer Lebensabschnitt für Dich begonnen hatte - bist Du überhaupt noch interessiert daran, zu 100% ein Rockstar zu sein?
Jim Kerr: Es hat eine Weile gedauert, aber ich habe begriffen, daß man eine solche Sache nicht halbherzig machen kann. Einerseits, wenn man eine so lange Karriere hat, muß man zusehen, daß man sich auch etwas anderes nebenher aufbaut, denn wer möchte schon so eindimensional sein? Aber gleichzeitig wandelt man auch auf einem sehr schmalen Grad, denn wenn man an diesem Punkt steht, an dem man ein neues Album fertig hat und veröffentlichen möchte, muß einem klar sein, daß das die gesamte Aufmerksamkeit braucht.

