Transatlantic

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Neal Morse ist einer der größten Songwriter unserer Zeit. Als 1995 das Spock’s Beard-Debütalbum "The Light" herauskam, war schnell klar, daß hier ein neues Kapitel Musikgeschichte aufgeschlagen wurde. Sechs Alben erschienen in sieben Jahren, und Spock’s Beard wurden eine Institution im Progressiv-Rock-Genre. Neben zwei Soloalben kam im Jahr 2000 die Prog-Supergroup Transatlantic dazu, für die Neal Morse ebenfalls den Großteil des Songwriting übernahm und die mit zwei veröffentlichten Alben das Songspektrum des Kaliforniers erweiterte. An seiner Seite waren hier Pete Trewawas (Marillion), Mike Portnoy (Dream Theater) und Roine Stolt (Flower Kings), weltweite Tourneen und Akzeptanz machten sie zu Pionieren für das gesamte Genre. 2002 beendete Morse plötzlich alle Projekte, um sich Gott zu widmen, und betätigte sich fortan musikalisch v.a. mit Soloalben eher christlicher Ausrichtung, die musikalisch immer noch seinen Ausnahmestandard unterstrichen, an deren Texten sich allerdings die Geister, bzw. vor allem die Fans schieden. Umso überraschender die Tatsache, daß es nun eine Fortsetzung von Transatlantic gibt, deren Qualität einmal mehr außergewöhnlich ist. ZeitPunkt-Redakteur Ralf Koch sprach mit Neal Morse darüber, wie es zur Reunion gekommen ist.

 

ZeitPunkt: Diese Reunion war nicht wirklich, worauf man noch zu hoffen gewagt hatte...

Neal Morse: Ja, für mich ehrlich gesagt auch eine Überraschung. Es war ein Prozess, und es schien an der Zeit. Ich hatte ein Dinner mit einem Freund, Todd Morell, und wir sprachen über das Thema Whirlwind, und er sagte etwas ganz Seltsames: Ich sollte daraus ein ganz großes Prog-Konzept machen und das mit einer Band wie Transatlantic umsetzen. Und wir lachten, denn das war wirklich aus dem Nichts plötzlich, aber er meinte, wir Vier wären doch perfekt geeignet, um die vier Urgewalten (the four winds) zu vertonen.

Naja, damit fing es an, aber ich dachte zunächst nicht groß weiter darüber nach. Aber irgendwann schrieb ich ein Stück namens "Whirlwind", aber das war noch etwas komplett anders, als das was Transatlantic machen. Aber dadurch kam ich noch einmal darauf zurück mit Rick Altheiser, er war früher in meiner ersten Soloband, und ist ein echter Freund für mich - und auch er meinte, es wäre Zeit für eine Reunion.


ZeitPunkt: Die Geschichte des "Whirlwind" ist also biblisch, aber das Album hat damit nichts zu tun?

Neal Morse: Nein musikalisch war das Stück etwas ganz anderes. Ansonsten würde ich nicht sagen, daß es nichts damit zu tun hat. Es gibt in der Bibel verschiedene Passagen, daß Gott große Winde einsetzt, um Tumult und Aufruhr zu produzieren und damit Dinge zurechtzurücken und die Menschen auf ihren Pfad lenkt. Und einige der Texte nehmen diese Grundidee auf, hier und da gibt es auch eine Zeile, die darauf verweist. Und im abstrakten Sinn ist das eben die Grundlage für dieses Konzeptalbum. Aber es geht darüber hinaus. Einen Song schrieb ich über den Tod meines Vaters, Pete hat einen Song ("Is it really happening") geschrieben und hat seine - zeitgemäßen - Ideen eingebracht, Roine steuerte einen kompletten Part bei ("A Man can feel"), und es war wirklich cool zu sehen, wie all diese Ideen da mit reinpassten.

 

ZeitPunkt: Was ist für Dich der musikalische Unterschied zwischen Transatlantic und Deinen Solo-Sachen, die ja zuletzt (v.a. "Sola Scriptura") auch einen durchaus ähnlichen Rock-Faktor angenommen hatten?

Neal Morse: Ich weiß nicht, für mich haben Transatlantic einen sehr eigenen Sound und auch wenn es einen ähnlichen Rock-Faktor hat, es sind doch komplett andere Akteure. Roines Gitarre ist eine komplett andere als die von Paul Gilbert, sehr viel mehr Feeling-orientiert, als Pauls Riff-Brett. Roine erinnert mich immer an eine Mischung aus Zappa und Steve Howe, Paul ist mehr Eddie van Halen. Und auch der Bass bringt eine andere Art Groove.

 

ZeitPunkt: Was war es also, was für dieses Album eine Transatlantic-Umsetzung verlangte?

Neal Morse: Du würdest Dich wundern: Ich hatte ja ursprünglich ein Demo geschrieben, aber wir haben im Endeffekt nur rund 15 Minuten davon verwendet. Alles andere der 77 Minuten ist entweder von den anderen oder einfach eine Gemeinschaftsproduktion, also ist das wirklich eine einzigartige Zusammenarbeit von vier Musikern, wie keine andere. Wir haben wirklich Großteils bei Null angefangen. Der ganze Intro-Part inklusive des ersten Vocal-Parts ist von Pete.

 

ZeitPunkt: Wie war es denn, sie wieder einzuladen? Hast Du sie angerufen?

Neal Morse: Ich hab zunächst Mike angemailt, weil ich verschiedene Fragen hatte. Da ging es um einen Song, den ich gern verwenden wollte, auf dem er mitgespielt hatte, dann wollte ich ihm noch etwas schicken und hatte eine Frage dazu und meine dritte Frage war, wie es wäre, im nächsten Jahr ein neues Transatlantic-Album aufzunehmen. Und seine Antwort war nur: "Wow, Du hast die Millionen-Dollarfrage am Ende versteckt!" Und: Ja, er hätte große Lust dazu, und stellte gleich ein paar Dinge klar, wie sie laufen könnten. Und schließlich kamen wir im April zusammen, nachdem wir alle ein paar E-Mails getauscht hatten.

 

ZeitPunkt: Und es war die gleiche Chemie wie vor acht Jahren?

Neal Morse: Absolut. Es war, als wenn gar keine Zeit vergangen wäre. Und wir haben noch am ersten Abend losgelegt. Ich war nachher selber überrascht, aber im Endeffekt haben wir die Grundlagen für das komplette Album bereits am ersten Abend gelegt. Das war wirklich der Hammer.

 

ZeitPunkt: Habt Ihr über die Gründe gesprochen?

Neal Morse: Warum wir all die Jahre nichts gemacht haben? Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich glaube, es wurde allgemein angenommen, daß ich dachte, daß ich es eine Weile eben nicht könnte und jetzt aber wieder dazu bereit wäre. Aber jetzt wo Du fragst... nein, sie haben nicht gefragt. Wir haben auch vorher nicht groß drüber gesprochen. Es gibt eine Szene auf der Making-of DVD, als Mike mich fragte, ob ich sicher wäre, daß die beiden kommen würden und ich sagte, ja, ich glaube schon, ich habe ihre Flüge gebucht und ihnen alles nötige geschickt - aber drüber gesprochen haben wir nicht. Sie sind einfach gekommen.


ZeitPunkt: Zurück nach Hause...

Neal Morse: Ja, ein bißchen war es so.


ZeitPunkt: Ich erinnere mich an Roine, der mir damals erzählt hatte, daß er sehr enttäuscht gewesen wäre, wie es damals zum Ende gekommen wäre. Aber fein, wenn es keine offenen Wunden mehr gab, muß man auch nicht daran reiben...

Neal Morse: Nun, wenn es Wunden gab, hat sie zumindest keiner mit mir besprochen. Vielleicht haben sie sich einfach nur damit abgefunden und sich gefreut, daß es doch weitergeht. Roine hatte sogar erwähnt, daß er gerade die Hoffnung aufgegeben hatte, daß es noch ein Album geben würde, als ich ihn kontaktiert hatte.

 

ZeitPunkt: Er hat also doch immerhin acht Jahre daran geglaubt, bzw. darauf gehofft?

Neal Morse: Ja, er sagt so etwas in dem Interview auf der DVD, daß er immer meinte, daß wir noch mindestens ein weiteres Album machen müssten, daß hier noch nicht alles gesagt wäre.


ZeitPunkt: Und was sind jetzt die weiteren Pläne? Tour? Weitermachen für immer?

Neal Morse: Pläne gibt es noch keine genauen, aber natürlich ist eine Tour möglich. Und auch ein weiteres Album, aber Transatlantic ist eben nicht unsere Hauptband, sondern für uns alle vier nur ein Nebenprojekt. Aber das macht eben auch alles weitere möglich - nur wissen wir nie genau vorher, in welche Richtung das Transatlantic-Schiff weiterfliegt.

 

ZeitPunkt: Also, was kommt dann als nächstes für Dich? Eine Spocks Beard Renuion?
 
Neal Morse: Letztes Jahr haben wir in Pittsburgh sogar schon wieder einmal gemeinsam gespielt beim 3RP Festival in Pittsburghund: Da gab es erst eine Spocks Reunion für "The Light" und dann eine "Quasi-Transatlantic Reunion" - bis auf Pete, der war nicht dabei. Wir waren eh alle da und Mike wohnt in der Nähe, also kam er auch mit dazu, und dann war das recht einfach.


ZeitPunkt: Wie ist denn Dein Kontakt zu Spocks? Am Anfang war ja relative Funkstille, oder?
 
Neal Morse: Nee, so richtig Funkstille gab es nie, meinen Bruder Alan habe ich immer mal getroffen, mit Dave stand ich auch in E-Mail-Kontakt, da gab es keine Animositäten.

 

ZeitPunkt: Aber eine Reunion ist nicht geplant?

Neal Morse: Das ist zumindest nichts, wofür wir jetzt irgendwelche Pläne gemacht hätten.

 

ZeitPunkt: Nun, ein guter Songwriter könnte ihnen vielleicht nicht schaden..

Neal Morse: hmmm...

 

ZeitPunkt: Was kommt als nächstes?

Neal Morse: Zunächst gibt es eine Dreier-Live-CD, eine sehr umfangreiche Retrospektive auf die Live-Umsetzung meiner Soloscheiben plus ein paar weitere Songs. Eine Sammlung aus verschiedenen Shows. Und dann habe ich schon wieder ein paar neue Songs geschrieben und es gibt auch noch ein weiteres Projekt, an dem ich arbeite, über das ich aber derzeit noch nicht so viel verraten möchte.

 

ZeitPunkt: Wenn Du jetzt auf die letzten acht Jahre schaust - jetzt, wo sich ein Kreis wieder geschlossen hat, bist Du angekommen, wo Du hinwolltest? Hast Du erreicht, was Du wolltest?

Neal Morse: Interessante Frage! Ich glaube, das wichtigste für mich war, daß ich gelernt habe, zufrieden zu sein. Mit allen Dingen, sie so zu nehmen, wie sie sind - gute wie schlechte - und mich damit abzufinden, bzw. zurechtzufinden. Aber ich habe meine Zelte noch nicht aufgeschlagen, ich bin immer noch auf der Reise - jeden Tag.