Zerreißprobe Faust

- © Theater der Jungen Welt
Theater der Jungen Welt: Probe für das große Drama "Faust". Doch das Leben hinter dem Rampenlicht ist hart. Schlaksig macht der lederjackentragende Regisseur Herman ein paar Ansagen, mit der fulminanten Aufforderung an seine Schauspieler: "Macht mal!" Oscar van Woensel, 1970 in Holland geboren, hat das Stück geschrieben – es wird seinen Weg über die Bühnen machen. Klar schimmert bei diesem Theater auf dem Theater um die Einstudierung von Goethes "Faust I" George Taboris Ansatz zu "Goldberg-Variationen", den Bibelszenen einstudierendem Theater durch.
Den Prolog im Himmel kann einer allein stemmen, der Leipzig-Bezug zu Auerbachs Keller ist gerade noch so da. Wie im richtigen Leben sind die drei Akteure nicht auf gleicher Höhe, der bedeutungsschwangere Faust/Regisseur Hermann (Sven Reese) scheint beim Sprechen eine Kartoffel zu kauen. Als Mephisto, ohnehin hat jeder mehrere Funktionen, ist Niek (Chris Lopatta) die treibende Kraft des Geschehens á la Faust-Stück, wie auch der Theaterprobe. Goethes Gefühlswelten sind freilich beschrieben, das lyrische Ich spricht, des Schauspielers Untertext ist lesbar: "meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer..."
Hier kämpft die Gretchen-Darstellerin Isabel (Susanne Krämer) um ihre Kerker-Szene, damit die mehr ist, als nur ein Fakt. Eine Kette wird ihr hingeworfen, alles andere ist Sache der Schauspielerin. Wörtlich genommen wird das Abheben aus der Wirklichkeit, Fluchtpunkte sind immer möglich, und wenn man auch nur auf großen Kugeln entschweben kann, ein paar Meter oder doch ganz weit weg. Von der Sehnsucht nach der Sehnsucht ist die Rede, und draußen rattert die Straßenbahn vorbei.
Regisseur und Theaterdirektor Jürgen Zielinskis hätte sich einen werk- und texttreu korrekten Goethe-Faust gönnen können, muß aber offensichtlich an diesem Spuk Spaß gefunden haben. Zwei Schulstunden lang, dazwischen Pause. Szenisch zugeballert, daß es einem schwindlig werden kann. Was war "Faust", was war Goethe, was war Kampf der Darsteller – das fragen sich die jungen Zuschauer, die meisten im Konfirmanden- und Jugendweihealter. Nicht die schlechtesten Gedanken für den Nachhauseweg. Ein gelungenes Stück Theater der junggebliebenen Welt.
von Karsten Pietsch

