Zwei Kontrahenten im Kampf gegen Drogen und Kriminalität in Leipzig

- ©Pixelio/xafia
160 Straftaten sollen auf das Konto der 24-jährigen Denise S., einer polizeibekannten Drogenabhängigen aus Leipzig, gehen. Sie ist des schweren Bandendiebstahls, Betrugs, der Urkundenfälschung und des Autodiebstahls verdächtig. Sie entwendete Portemonnaies, kaufte mit geklauten EC-Karten ein und zapfte Sprit ohne zu bezahlen. Von brutalen Raubüberfällen auf Passanten und Geschäfte in unserer Stadt ist immer öfter zu lesen. Im vorigen Jahr wurden bei der Polizei in Leipzig 60 534 Straftaten angezeigt, gut die Hälfte davon betrafen Ladendiebstähle, Diebstähle aus Kfz, Fahrraddiebstähle, Wohnungseinbrüche, Raub und Prostitution (auch das gehört zur Beschaffungskriminalität) – über 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Aufklärung ist schwierig, in drei Viertel der Fälle blieben die Täter ungeschoren. Einschlägige Polizeierfahrungen besagen, dass ein Großteil davon auf das Konto Drogensüchtiger geht. In Leipzig leben schätzungsweise 1 200 Drogenabhängige. Drogen „genascht“ haben freilich schon ungleich mehr – vor allem junge Leute. Dealer treiben ihr Unwesen auch auf Schulhöfen. Rund die Hälfte aller Schüler soll schon mal Drogen probiert haben. Es ist wie beim Rauchen: Manchem gibt es nichts, andere werden süchtig. 30 bis 80 Euro sind fürs tägliche Quantum nötig – die wenigsten werden sich diese Summe redlich erarbeiten können.
Hart durchgreifen oder helfen?
Im Kampf gegen Drogenkriminalität in Leipzig kochen die gegensätzlichen Meinungen hoch: Die Polizei will durch hohen Verfolgungsdruck einer offenen Drogenszene, der Ansammlung Abhängiger in der City, in touristischen Zentren, in Wohngebieten und nahe der Schulen entgegentreten. 1 183 Rauschgiftdelikte – Handel, Schmuggel, illegaler Anbau usw. – zählte die Leipziger Polizei letztes Jahr. Davon wurden 88,8 Prozent aufgeklärt. Die tatsächliche Zahl kennt keiner. Überwachungskameras, Polizei- und Ordnungsamtpräsenz und das Abdichten von leerstehenden Gebäuden zeigten Wirkung: Vor zwei Jahren konzentrierte sich die Drogenszene noch an der Kreuzung Eisenbahn-/Hermann-Liebmann-Straße. Dealer und Konsumenten treffen sich heute ein paar Ecken entfernt an der Koehlerstraße. Das Geschäft mit Heroin blüht genauso wie der Hanf in einer unbekannten Anzahl von städtischen Indoor-Plantagen, der in kleinen Drogenküchen zu verbotenen Suchtmitteln verkocht wird. Die Stadt hingegen setzt vor allem auf Suchtprävention und Hilfe für Abhängige. Aus dem neuesten Drogenbericht 2010 geht hervor: Streetworker sind im Einsatz, ihre Teams teilen die betroffenen Regionen unter sich auf. Drugscouts informieren an ihren Ständen vor Ort, auf Partys und in Clubs. 2009 verteilten sie 18 100 Faltblätter z. B. über „Safer Use“. Allein dafür stellt die Stadt im Jahr rund 80 000 Euro zur Verfügung. Suchtkranke erhalten vielfältige Hilfe, wenn sie diese wollen. Die Suchtzentrum Leipzig GmbH hat 51 Hilfebedürftigen von der Anstellung bis zur gemeinnützigen Tätigkeit Jobs beschafft. Ein Drugstore (Eutritzscher Straße 9) hat statt Drogen Informationen zum Thema im Angebot. Über 1,6 Millionen Euro kostete das alles die Stadt. Zahlreiche freie Träger üben sich zudem in Projektarbeit. 170 Projekte wurden mit der Schuljugend durchgeführt.
Aktionsbündnis als Lösung
Beides ist zweifellos notwendig. Stadt und Polizei haben schon oft die Absicht erklärt, zu wirksamer Kooperation bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität zu fi nden, doch dabei scheint es noch immer geblieben. Der Leipziger Polizeipräsident Horst Wawrzynski wirft der Stadt vor, durch ihre „Wohlfühlpolitik“ Drogenabhängige geradezu anzulocken. Scharf kritisiert wurde ein Infoblatt für Kiffer, in dem diese über „richtiges“ Verhalten bei ihrer Festsetzung gegenüber Polizisten aufgeklärt wurden. Besorgnis wurde auch von Seiten der Polizei geäußert über die Verlegung der Kontakt- und Beratungsstelle der Streetworker für Drogenabhängige letztes Jahr noch näher an den Hauptbahnhof. Das würde noch mehr Fremde zum Drogenkauf nach Leipzig locken. Die Leipziger Internet Zeitung (L-IZ) widmet dem Streit der Meinungen breiten Raum und zitiert den SPD-Stadtrat Christopher Zenker, der eine Kausalkette erkannt haben will: Indem die Polizei die verfügbaren Drogen auf dem Markt verringert, steigen die Preise. Demzufolge müsse die Beschaffungskriminalität steigen. Stadträtin Juliane Nagel (Die Linke) zeigt sich auf ihrer Website verwundert über die Kritik des sächsischen Polizeipräsidenten Bernd Merbitz am Flyer „Polizeikontrolle“, der doch nur „in jugendgemäßer Sprache über Rechte des Einzelnen gegenüber staatlichen Behörden“ aufkläre. Emotionslos heißt es im Suchtbericht 2010 des Sozialamtes: „Verbessert werden soll die Kommunikation zwischen Hilfeeinrichtung und Polizei, da Personenkontrollen und Festnahmen direkt vor der Kontakt- und Beratungsstelle die Arbeit der Sozialarbeiter zeitweise verkompliziert haben.“ Und da beißt sich die Katze in den Schwanz.
von Margitta Pötzsch

