Entstehung des NS-Propagandafilms
Jud Süss - Film ohne Gewissen
Beinahe 20 Millionen Zuschauer in Europa sahen damals diesen heiß umstrittenen Film. Was bedeutete das für den Verlauf des sog. III. Reiches? Wie steht das damalige Publikum dem Sujet heute gegenüber?
Fragen über Fragen! Heute mag sich kaum noch jemand damit beschäftigen. Aber genau dieser Film, Jud Süss und seine Geschichte war es einer groß angelegten dt./öst. Gemeinschaftsproduktion in Kooperation mit diversen anderen Filmproduktionen und der Unterstützung etlicher Förderungen wert, erneut in Form eines großen dt./öst. emotionalen Lein-wandepos zu hinterfragen. Und hier ist Regisseur Oskar Roehler ein wirklich großartiger Wurf geglückt, auf der Basis der Prof. Knilli-Biografie „Ich war Jud Süss Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian”! Das Drehbuch adaptierte Klaus Richter und Oskar Roehler durfte mit einem hochkarätigen Ensemble das Thema in Szene setzen. Heraus kam ein mehr als dichtes Melodram, das nur entfernt an Faßbinder-Werke erinnert und uns erahnen läßt, daß es noch anderes gibt als Hollywood-Action-Filme! Schon allein die sensible Farbgestaltung zumeist in sepia und die brilliante Kameraführung von Carl F. Koschnick lassen Zeit und Raum vergessen. Wichtig wird allein die Geschichte des mäßig beschäftigten Schauspielers Ferdinand Marian (oskarreif Tobias Moretti), dessen vermeintlich großartige Chance und Verhängnis im Berlin des Jahres 1939 beginnt.
Hier versucht ihm Propagandaminister Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu, der für diese Leistung verdientermaßen auf der Berlinale den Preis für Schauspielkunst vom Filmfestival erhielt) die Rolle des Jud Süss schmackhaft zu machen. Marian weigert sich zunächst wie auch zuvor Emil Jannings, Gustav Gründgens und Paul Dahlke. Doch diese vermeintlich einmalige Karrierechance war für den Schauspieler einfach zu verlockend. Ausschlaggebend dafür, daß er die Rolle annahm, war wohl auch noch ein Nachhelfen/Drohen seitens Goebbels. Schauspieler Marian wollte versuchen, der Person des Jud eine menschlische Seite zu geben. Ob er sich damit vor sich selbst rechtfertigen wollte? Seine persönliche aber auch die nationale Tragödie begannt sich bereits abzuzeichnen. Seine Frau Anna grandios personifiziert durch Martina Gedeck entfernte sich von ihm. Marians Untergang war unvermeidlich. Er mußte mit ansehen, wie seine Judeninterpretation das Volk noch mehr anstachelte. Es gabt für ihn keinen Halt mehr. Und er wollte seinem Schicksal mit Alkohol entfliehen. Als er viel später vom Tod seiner Frau Anna hörte, setzte er sich betrunken ans Steuer...
Auf der Berlinale sorgete „Jud Süss” für viel Diskussionsstoff. Klar ist, daß diser meisterlich inzinierte Film die Nazis karrikiert und großartige schauspielerische Leistungen offenbart.
Ein Anschauen lohnt sich !
- blw -
Genre: Melodram
Start: 23. September 2010
Dauer: 114 Minuten
Verleih: Concorde

In den Schluchten der Vorstadt
Fish Tank
Mia (Katie Jarvis) ist wütend. Aggressiv tritt sie der Welt um sie herum entgegen. Da fängt sich schnell schon mal eine ein blaues Auge ein, wenn sie ihr blöd kommt. Die Angriffslust der 15-jährigen hat ihr einen Rauswurf an der Schule eingebracht. Nun pendelt sie ziellos durch ihr trostloses Viertel in Essex, um sie herum die Wurzeln ihrer Wut.
Ihre Mutter ist eine selbstsüchtige Alkoholikerin und läßt sie und ihre nervige Schwester verwahrlosen. Um sie herum herrscht Aggression und alltäglicher Kampf. Runter kommt sie nur, wenn sie in einer leer stehenden Wohnung ihre Leidenschaft als Tänzerin auslebt. Als Connor (Michael Fassbernder), der neue Freund ihrer Mutter, auftaucht, begegnet sie erstmals einem Menschen, der ihr seine Zuneigung widmet. Sie verknallt sich sofort und läßt die Deckung fallen. Aber der Umgang mit der neuen Situation überfordert den Teenager schon bald.
Harsch ist die soziale Realität, die Andrea Arnold abbildet. Damit steht sie in der Tradition britischer Filmemacher, wie Mike Leigh und Ken Loach. Die Geschichte, die sie in dieser ungemütlichen Umgebung erzählt, ist einfach. Die direkte Bildsprache und ihre einnehmende Hauptdarstellerin fesseln den Betrachter dennoch an die Leinwand. Für ihre eindringliche Darstellung erhielt die 18-jährige Debütantin Katie Jarvis zahlreiche Preise, ebenso wie Arnolds Regiearbeit, die u.a. in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde. Rückenwind, der nun auch uns in den Bann des großartigen Sozialporträts kommen läßt. Mia durch den Alltag zu begleiten ist schmerzhaft und mitunter anstrengend, aber jede Filmminute wert. Lars Tunçay
Genre: Sozialdrama
Start: 23.September
Dauer: 123 Minuten
Verleih: Kool

Goethes Zauberlehrling
Duell der Magier
Wenn Hollywood auf Goethes „Zauberlehrling“ trifft, kommt leichte Sommerunterhaltung heraus. Damit hat es die Jerry Bruckheimer Produktion „Duell der Magier“ voll auf die Zielgruppe abgesehen.
In einem gerafften Intro wird uns die Vorgeschichte, um die Lehrlinge Merlins und ihre Niederlage gegen dunkle Mächte erzählt. Balthazar Blake (Nicolas Cage) und seine große Liebe Veronica (Monica Bellucci) wurden damals von ihrem Freund Maxim Horvath (Alfred Molina, ebenso wie Nicolas Cage mit Langhaarfrisur) hintergangen und an Morgana Le Fay (Alice Kriege) verraten. Die Hexe wurde gebannt, aber mit ihr verschwand Veronica.
Einen Augenblick später befinden wir uns im New York der Gegenwart. Der physikbegeisterte Dave (Jay Baruchel) hat sich gerade erst vom Trauma seiner Kindheit erholt. Damals wurde er Zeuge eines magischen Kampfes zwischen Blake und Horvath. Heute lernt er an der Uni und hat nur Augen für Becky, die er hoffnungslos anbetet. Doch dann taucht Blake wieder in seinem Leben auf und rekrutiert ihn kurzerhand für die Zauberkunst. Denn, wie sich herausstellt, ist er der legitime Nachfolger Merlins.
So richtig ernst meint es Regisseur John Turteltaub („Das Vermächtnis der Tempelritter“) nicht mit seiner Zaubershow. Oft wirkt sie so albern, wie Cages Hippie-Matte. Immer wieder streut er optische Spielereien und liebevolle Hommagen, wie die Reminiszenz an den bezaubernden Besentanz von Micky Maus anno 1940, ein. Action und Effekte stimmen zudem, was „Duell der Magier“ zu einem unterhaltsamen Sommerblockbuster macht.
Lars Tunçay
Genre: Action-Komödie
Start: 2. September
Dauer: 109 Minuten
Verleih: Disney

Selbstfindungstrip
Eat Pray Love
Elizabeth Gilbert hat mit ihrem Bestseller „Eat Pray Love“ für ein neues Bewußtsein bei vornehmlich amerikanischen Frauen gesorgt. Sie hinterfragte die Ziele ihres Lebens, nahm ihren Tagesablauf kritisch unter die Lupe und stieg kurzerhand aus, um die Welt zu umrunden auf der Suche nach dem Glück. Damit traf sie den Nerv von Millionen Menschen weltweit, zu denen sicherlich noch einige mehr kommen werden, denn Ryan Murphy („Krass“) hat daraus einen Film gemacht.
Gespielt wird Liz Gilbert von Julia Roberts. Sie verkörpert die Unruhe einer Frau, die alles zu haben scheint einen guten Job, ein Haus, einen Ehemann aber dennoch nicht glücklich ist. Eine innere Unruhe treibt sie voran. Frisch geschieden und am Scheideweg nimmt sie den Pfad zur Weisheit, der sie von Italien, über Indien bis nach Bali führt. Auf ihrer Reise entdeckt sie die Liebe zum Essen, die Liebe zum Leben und die Liebe ihres Lebens und kommt zu sich.
Die exotischen Schauplätze sorgen für berauschende Bilder. Eddie Vedder, der schon die Selbstfindungsreise von Chris McCandless in „Into The Wild“ begleitete, singt den passenden Soundtrack. Auf dem Weg treffen wir auf Billy Crudup („Watchmen“), James Franco („Spider Man“) und Richard Jenkins („The Visitor“). Der freigeistliche Gedanke ist fremd für die westliche Welt und besonders das christliche Amerika reagiert mit Abwehrhaltung. Wer sich jedoch für eine alternative Lebensweisheit interessiert und das sind hierzulande immer mehr für den ist „Eat Pray Love“ eine Reise ans Ziel.
Lars Tunçay
Genre: Drama
Start: 23. September
Länge: 131 Min.
Verleih: Sony