![]() Leipzig Leutzsch ist mehr als die Georg-Schwarz-Straße
Stadtteil der Chancen Leipzig Leutzsch liegt im Westen. Eingeklemmt zwischen Lindenau - kurz hinter dem Diakonissenkrankenhaus - Böhlitz-Ehrenberg und dem Auwald (Leutzscher Holz) spannt sich hier eine Sehne bis zum Reißen. Da gibt’s wunderbares gutbürgerliches Wohnen im Villenviertel, fast schon Naherholung in der Rathenaustraße - aber eben auch ein Menetekel Leipziger Stadtplanung, die mehr als mißlungene Georg Schwarz Straße mit alten, zerknitterten Hauseingangssitzern plus Flasche, zerfallenen Wänden und eingeworfenen Scheiben. Knapp 9.000 Menschen leben hier und hören die Straßenbahnen rumpeln. Sie schlafen und lieben und gehen zum Fußball. Der hat hier Priorität - ist doch der FC Sachsen Leipzig hier zu Hause. Zu Hause ist in Leutzsch aber auch die Kojule, in der Hans Driesch-Straße 43, ein vom Caritasverband getragener Freizeittreff zur Kiez-Bindung und die Theater-Fabrik-Sachsen, die mit herausragenden Produktionen Kulturdogmatiker aus dem Süden zum Staunen bringt. In Leutzsch wird dabei einfach weiter gearbeitet, auch, wenn die Aufmerksamkeit der Bildungsbürger hier äußerst selten Boden zum Wurzeln findet. 700 nach Christus siedelten hier erstmals Sorben, benannten den Flecken nach einem Wort in ihrer Sprache "Luc"s", was soviel wie Wiesen- oder Sumpfort heißt und lebten bis ins 11. Jahrhundert friedlich und mit sich im Reinen. Dann wurden deutsche Bauern zugesiedelt. Der Markgraf Friedrich Tuta von Landsberg verschacherte den Ort am 8.11.1285 nach Merseburg, ein Ritter "Heinrich von Leutzsch" erschien auf der Bildfläche, 1562 ging Leutzsch ans Amt Schkeuditz und die Leipziger wurden Grundherren des Ortes. Im Dreißigjährigen Krieg frißt der Feuerteufel, den schwedische Truppen mitbrachten, den Ort auf, doch danach beginnt die Wiedergeburt. 1804 zählt Leutzsch knapp 200 Einwohner, doch mit der Industrialisierung wird der Ort zum wohlhabenden Flecken. Die Geschichte der Eisenbahn wird hier mitgeschrieben und 1899 kommen Bolz-Enthusiasten zu ihrem "Britannia 1899 Leipzig", der unter anderem Namen DDR-Meister und Europa-Cup-Teilnehmer wurde. Das ist alles Geschichte, heute dümpelt die wunderbare Stadtteilbibliothek im Zerfall vor sich hin - es gibt aber mittlerweile Pläne, sie wieder zu erwecken, zur Kulturvilla nach dem Vorbild des Geyserhauses umzugestalten - und auf dem chilligen Grünareal "Am Wasserschloss" koten Hunde. Da ist viel zu tun, wozu es vor allem aber die Einwohner braucht. Der BürgerVerein Leutzsch geht da schon mal in Vorarbeit. Die Stadtteilzeitung Blickpunkt Leutzsch gibts im August 2009 in der 44.Nummer, der Wohlfühl-Treff Leutzsch kämpft wandernd und kreativ für die Wiederentdeckung des Nahle-Berges und der Leutzscher Kunstrasen e.V. organisiert - auch gegen die Engstirnigkeit mancher dumpfer Hiesiger, die sich im Stillstand jammernd gefallen. Das ist die Sehne, die gespannt ist, quer durch Leutzsch. Da gibt es die, die jammern zum Lebenszweck erkoren haben und die, die anpacken und gestalten. Da ist viel zu gestalten im Westen von Leipzig - und hin und wieder könnten natürlich Entscheidungsträger helfend einspringen, aber dazu bräuchte es eine lautere, buntere Lobby für den Kiez - und intelligentere Sprüche, als "Nur ein Deutscher ist ein Leutzscher." Vor allem, da Leutzsch ja eigentlich gar nicht von Deutschen gegründet wurde! Volly Tanner |