Auf einen Pfeffi mit... Dunkel. Dreckig. Reudnitz.

Dunkel. Dreckig. Schüchtern?
Dunkel. Dreckig. Schüchtern?

Bild: © Vilography

Auf dunkeldreckig.de bloggt Martin reichweitenstark über seine Hood. ZeitPunkt traf ihn, um über Stadtgeschehen und seine Arbeit zu quatschen.

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Dein Stadtteilblog ist fast schon kultig. Mal geht es um eine neueröffnete Bar, mal um eine geplante Geflüchtetenunterkunft. Wonach entscheidest du über die Inhalte?

Das ist eigentlich alles was mir vor die Füße fällt und ich für halbwegs relevant halte. Dann lasse ich mir über Tage lauter Formulierungen durch den Kopf gehen und schreibe den Text nie. Manchmal schaffe ich es aber doch etwas zu schreiben, dann bin ich mit dem Resultat meistens unzufrieden - veröffentliche es aber trotzdem. In ganz seltenen Fällen bringe ich die Ideen direkt aufs Papier (naja, eher Einsen und Nullen) und veröffentliche den Artikel sofort.

Deshalb poste ich so viel auf Facebook. Textproduktion macht einfach keinen Spaß und dort reichen zwei dünne Zeilen oder ein witziges Bild. Und da mir der Traffic auf meiner Seite egal sein kann, muss ich die Leute nicht krampfhaft auf meine Blog locken um die Inhalte dort zu sehen.

 

Auf deinem Blog gibt es „Das dunkeldreckige Brett“, ein schwarzes Brett. Du teilst öfters Anfragen aus dem Stadtteil. Bist du für die ReudnitzerInnen eine Art Nachbarschaftshilfe?

Iregendwie schon. Und wenn man da einmal mit anfängt, kann man schlecht wieder aufhören. Das mit den gestohlenen Fahrrädern, die permanent gesucht werden, hat sich fast schon zum Running-Gag entwickelt. Deshalb gibt es auch viele Anfragen zurück. Immer wieder kommen Leute, die Nachmieter suchen. Aber wenn ich auch noch damit anfange, hab ich echt keinen Spaß mehr dran.

Fast 9000 Likes auf Facebook, Tendenz steigend. Hast du das Gefühl, deinen Followern Infos schuldig zu sein oder empfindest du manchmal Druck?

Druck empfinde ich keinen. Es gibt aber natürlich einige Geschichten die ich gerne aufschreiben würde, aber aufgrund der Komplexität vor mir herschiebe. Das fängt bei der Situation der Spätis an (die nur geduldet werden, aber das Lebensgefühl hier sehr stark prägen), geht über die Entwicklung des Wohnmarkts und der Bevölkerungsstruktur im Viertel, bis hin zur Historie von Reudnitz. Durch die krasse Reichweite, habe ich auch die einmalige Möglichkeit Geschichten zu erzählen, die sonst unbeachtet blieben. Ich nutze sie leider viel zu selten. Aber wie könnte ich auch? Ich bin nur ein Typ mit Laptop und Smartphone, kein Journalist. Wenn ich vor der Wahl stehe für einen komplexen Artikel zu recherchieren, oder mit meinen Kumpels ein Bier im Lene-Voigt-Park zu trinken, werde ich mich immer für letzteres entscheiden.

 

Neben „Suche“-Anfragen teilen deine LeserInnen auch gerne einfach mal Stadtteil-Anekdoten, sodass vor allem die Facebook-Page zu einer wahren Schatztruhe geworden ist. Hast du eine Lieblings-Anekdote?

Würde eine Mutter verraten, wer ihr liebstes Kind ist? In Reudnitz vermutlich schon (überlegt). Die Geschichte mit dem Laster der die Straße blockiert hat fand ich wirklich klasse. Sie zeigt wunderbar, wie absurd der Alltag eskalieren kann, nur weil die Straße auf einmal nicht frei ist.

Jedes Posting wird kräftig kommentiert, es mangelt nicht an Einsendungen. Wie erklärst du dir den starken Partizipations-Willen und denkst du, dass es in einem anderen Stadtteil genau so viel Teilnahme gäbe?

In Connewitz klappt das auch ganz gut und ich denke Eisenbahnstraße würde auch sehr gut funktionieren. Aber auch die anderen Stadtteilblocks bekommen viel Feedback. Die Leser interessiert halt, was in ihrer Umgebung passiert.

Der Unterschied zu anderen Stadtteilen (abgesehen von Connewitz und Eisenhood) liegt in dem eher speziellen Image, das nicht besonders viel mit der Realität zu tun hat. Mit so einem Image kann man ganz wunderbar spielen und die allermeisten Leser verstehen es.

Das mit dem Kommentieren hat sich so entwickelt. Bei Dunkel. Dreckig. Reudnitz. geht der Spaß in den Kommentaren einfach weiter. Ich lese mir das alles durch und antworte oft. Es gibt viele inhaltliche Diskussionen und wirklich gute Gags von Lesern. Es entsteht also ein echter Mehrwert für die Leser. Wenn Kommentare aber zu einer Plattform für Selbstbeweihräucherung, Dummheit, getrolle und blankem Hass wird, ziehen sich die Leser angeekelt zurück. Wie das läuft, kann man bei großen Medien leider zu gut beobachten. Ich bin mir durchaus bewusst, dass der wunderbare Kommentarbereich auf meiner Seite keine Selbstverständlichkeit ist. An dieser Stelle also ein großes Lob an meine Leser. :-*

 

Leipzig betitelt sich gerne mal als weltoffene Stadt, gleichzeitig finden seit Anfang Januar 2015 mit Legida regelmäßig rechtpopulistische bis rechtsextreme Demos statt. Wie passt das für dich zusammen und wie siehst du diese Entwicklung in der Stadt?

Das passt für mich sehr gut zusammen. Man sieht sich eben so, wie man sich sehen will. Der Hauptteil der Bewohner ist ohne sichtbaren Migrationshintergrund. Die Bevölkerung macht also deshalb keine Erfahrungen mit rassistischen Pöbeleien. Was an Übergriffen und alltäglicher Schikane berichtet wird, fällt auch mir schwer zu glauben. Denn es ist wirklich übel und deshalb schwer vorstellbar. Was ich nicht sehe und nicht glauben will, gibt es folglich einfach nicht.

Deshalb kann Leipzig weiterhin eine weltoffene Stadt sein, weil es hier schon lange eine Messe gibt und schon immer mal Ausländer in der Stadt waren. Inge vom Nachbartisch würde trotzdem am liebsten eine Bombe „bei de Asylanten“ reinwerfen, ganz egal was die Stadtoberen in ihren Sonntagsreden sagen.

Zusammenfassend kann man also sagen: Ich sehe die Entwicklung nicht sonderlich positiv.

 

Du hast dich selbst aktiv an den Gegenprotesten zu Legida beteiligt und beispielsweise viel Arbeit in einen „Protest-O-Mat“ gesteckt, aus dem PassantInnen Demo-Schilder mitnehmen konnten. Hast du je Bedenken gehabt, deine politischen Standpunkte mit deinen LeserInnen zu teilen?

Ich hab mir immer gesagt: Wenn ich mich als weißer, heterosexueller und hier geborener Mann nicht traue gegen die Rechten die Stimme zu erheben, wer soll es dann sonst machen? Wie genau wollen die mich denn diskriminieren? Sie haben es dann mit Drohungen und einem Anschlag probiert, aber ich bin noch immer hier.

Meinen Lesern habe ich meine eigene Haltung nie verschwiegen und gleichzeitig Raum zur Diskussion geboten. Ich habe noch nie jemanden geblockt, nur weil er meine Meinung nicht teilt. Und das klappt eigentlich ganz gut. Es gibt da ein paar Leser, von denen ich ganz genau weiß, dass sie meine Meinung nicht teilen. Aber sie sind immer noch da.

 

Mal bist du als schickes Model auf Design-Märkten am Start, dann betrauerst du ein abgeschlepptes Auto, das in Reudnitz zwei Jahre lang auf dem gleichen Parkplatz stand. Was kommt auf die Fans und Follower von D.D.R. noch zu?

Aktuell sitze ich mit einer aufregenden jungen Dame an einem sehr spannenden Projekt. Das wird der Hammer!

Oder es wird überhaupt nicht gut, dann verschwindet es für immer in der Schublade. Wir werden es sehen.

von Nhi Le

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