Kiez-Check Connewitz

– Ein Stadtteil-Porträt –

Bild: © Marion Hammer

Kennt Ihr Leipzig wie eure Westentasche oder ist da noch vieles, das euch neu ist? Im Kiez-Check zieht es uns diesmal in den Süden: Nach Connewitz. Dazu gibts zauberhafte Bilder der Fotografin und Ex-Connewitzerin Marion Hammer.

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Bild: © Lisa Beyer

„Porträts sind für mich ein Sujet, das nie langweilig wird. Fotografie ist mein Vorwand Menschen zu studieren und meine Neugier scheint in dieser Hinsicht unstillbar“. So beschreibt Marion Hammer ihre Leidenschaft zum Bild . Die Ex-Connewitzerin ist Fotografin und lebt seit einiger Zeit wieder im Süden Deutschlands. Dort hat sie weder ihrer Liebe zum Porträt noch ihrer ehemaligen Wahl-Heimat den Rücken zugekehrt, sondern eine Fotoausstellung erstellt, die beides verbindet:

Connewitz, das ist für sie aus dem Fenster gucken und die alljährliche Schneeballschlacht am Kreuz beobachten. Das sind nächtliche Spontandemos und Polizeieinsätze. Vor allem sind das aber die Menschen, die in gemütlicher Koexistenz sehr unterschiedliche Lebensentwürfe zelebrieren. Diese Menschen sowie den Kiez selbst hat Marion während ihrer Zeit in Leipzig fotografiert. Das Ergebnis ihrer Eindrücke ist ein gelungenes Porträt eines Stadtviertels mit all seinen charmanten Widersprüchen und Eigenheiten.

Bild: © Marion Hammer

Connewitz – ein berühmt-berüchtigter Stadtteil und ein Kiez der Extreme. Zwischen teuer sanierten Stadthäusern und kleinbürgerlicher Vorgarten-Bodenständigkeit gibt es hier immer noch viel Raum für alternative Lebensmodelle, kreative Projekte und linke Kultur.

„Connewitz, Connewitz, ich nehm noch ein Körnchen mit...“, so schallte es Ende der 90er aus meiner übersteuerten Stereo-Anlage im heimischen Kinderzimmer. Eine Deutsch-Punk-Hymne über Partys, Getreide-Schnaps-Räusche und den damals berüchtigten Leipziger Stadtteil. Connewitz – dort wo der Osten noch wild und politisch links war.
Während das Viertel südlich der  HTWK in der DDR besonders durch seine heruntergekommene Architektur hervorstach, zogen gerade diese Bauten nach dem Mauerfall alle an, die billig oder umsonst wohnen wollten. Ein Milieu aus KünstlerInnen, Punks, Linksalternativen und Menschen jenseits des Spaßgesellschaft-Mainstreams der 90er entstand und machte den Stadtteil wohnlich. Ein Paradies alternativer Lebenskultur für die Einen: In der Szene besungen, feuchter Wohntraum pubertierender DorfpunkerInnen (wie mir) und von der Leipziger Volksstimme sogar als das hiesige Montmartre bezeichnet.
Alles cool, außer für die, denen genau das ein Dorn im Auge war: Die Connewitzer Geschichte ist ebenso stark von gewalttätigen Angriffen von Neonazis gekennzeichnet – von Auseinandersetzungen mit der Polizei, dem Verfassungsschutz und BauinvestorInnen, die in der Sanierung und im Erhalt der Bauhaus-Wohnanlagen finanzielles Potenzial sahen.

Bild: © Marion Hammer

Heute leben – bis auf Neonazis – all diese Gruppen in mehr oder minder friedlicher Koexistenz im Viertel: Zu Immobilien-Haien avancierte InvestorInnen schaffen eine gepflegte Infrastruktur und werden nur noch ab und an von Farbbomben und brennenden Mülltonnen verschreckt. Das zog auch anderes Publikum an. Und so mischen sich jetzt merkwürdig bruchfrei vor allem RentnerInnen und Familien unter bunte Haare, Gesichts-Tattoos und schwarze Kapuzenpullis auf den Straßen. Auch die Polizei kommt weiterhin ab und an vorbei und hat sich entgegen starker Proteste einen Niederlass in der Wiedebach-Passage gesichert. Wie das hiesige Partyfolk zieht sie nachts um die Häuser und hält die sogenannte Gefahrenzone 04277 sicher. Manche behaupten: Genau das mache sie erst zu einer. Wer weiß.
Wer die Nacht hingegen rein metaphorisch unsicher machen will, wird hier fündig: Rock- und Pop-Konzerte beschallen die beeindruckend historische Kulisse im UT, dem ältesten Lichtspielhaus Leipzigs, das Werk 2, ein ehemaliges Industriegelände oder das Conne Island, das politisch-kulturelle Herzstück des Viertels am Rande des Auenwalds.

Bild: © Marion Hammer

Solls kleiner, lauter, gediegener sein, schaut man mal im Fischladen vorbei. Zu Musik aus der Konserve lässt es sich im Zoro und der Ilse (Ilses Erika) tanzen – je nach Gusto zu Punk oder Indie. Nebenan im Prager Frühling läuft ausgesuchtes Programmkino. Weg-Bier, Limo und hauseigene vegane Snacks bieten die Spätis Le Cygne und Lazy Dog an. Deren Stehtische und Eingangsstufen ersetzen tagsüber die fehlenden Cafés. Die braucht es hier auch gar nicht. Denn was anderen Vierteln der Milchkaffee, ist in Connewitz ein ausgedehntes Angebot an kalten Malz-Hopfen-Getränken und veganer Verköstigung. Will man ersteres, ist Frau Krause eine beliebte Adresse. Urig – das beschreibt die Kneipe im Abrisshaus wahrscheinlich am besten. Die Wände sind holzvertäfelt, das Ambiente solide-proletarisch und die Fanliebe zum lokalen, explizit anti-rassistischen Fußballverein Roter Stern durch Graffitis verewigt.
Zurück zu den veganen Spezialitäten: Die sind ein absolutes Highlight zwischen Kreuz, Bornaischer- und Wolfgang-Heinze-Straße und – neben dem Wildpark im Auenwald – vielleicht die wahren touristischen Magnete im Kiez. So gibt’s Fastfood an jeder Ecke, was im Deli mit Burgern und Sandwichs zur kulinarischen Vollendung kommt. Wer Lust auf was deftiges Neues hat, holt sich bei Bavarian Dürüm Klöße, Rotkohl und Soja-Wild im Teigfladen. Wer keine Lust auf Imbiss hat, geht ein paar Häuser weiter ins Vvasabi und genießt trans-asiatische Sushi-Kreationen mit Gulasch-, Masala- oder Himbeer-Füllung. Oder man speist gleich wie im Sterne-Restaurant: im Zest. Das winzige Lokal mit 70er Jahre DDR-Interieur zaubert international inspirierte Köstlichkeiten auf den Tisch. Das in bewusst entspannter Atmosphäre und zu moderaten Preisen. Ein Must-Go nicht nur für Veggies.

Bild: © Marion Hammer

Connewitz – das sind natürlich die Fressmeilen, Kneipen und Clubs, die einen in den Stadtteil ziehen. Es sind aber auch die vielen alten Tante-Emma-Läden, die sich ganz reibungsfrei dazwischen eingliedern. Es sind die Stadthäuser mit begrünten Vorgärten, zwischen denen sich die Wagenburg Focke 80 versteckt. Und es ist ein eher ruhig gewordener, aber steter Kampf um autonomes Leben. So bedeutet Kiez hier auch: Politische Graffitis, sorgsam verwachsene Stadtgärten und die zur Tradition gewordene Schneeballschlacht am Kreuz. Letztere endet ebenso traditionell jedes Jahr mit Einsatzwagen und linker Folklore: Bengalis, Böller und brennende Mülltonnen.
Ein etwas anderer Kiez-Guide: Denn über den Süden Leipzigs zu schreiben, heißt über politische Kultur zu schreiben. Erst dann wird klar, warum 99% der Restaurants veganes Essen anbieten und wie dieser eigenartig gut funktionierende Charme aus kleinbürgerlicher Eingesessenheit und linkem Selbstverständnis entstand. Connewitz ist kulturell, kritisch und zugleich bodenständig. Und genau das schafft gut 15 Jahre nach Deutsch-Punk-Hymnen und Korn-Exzessen Raum für neue feuchte Dorfpunk-Träume: Von der Alltäglichkeit alternativer Lebenspraxen und dem richtigen Älterwerden im Falschen.

von Katharina Warda

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