Wave-Gotik-Treffen – wie alles begann

Schwarzes Pfingsten - WGT

Bild: © Armin Kober

Wie aus einer bunt-schwarzen Ost-Szene von Grufties in der DDR das weltweit größte Treffen der Wave-Gotik Szene, das WGT erwuchs. Eine kleine Retrospektive.

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Die weißhaarige alte Dame stochert hektisch in ihrer Sahnetorte. Ihr Blick huscht irritiert umher. Das Café Heider in Potsdam droht aus allen Nähten zu platzen. Zwar ist sie gewohnt, dass hier während ihres Kuchengenusses Kleinkünstler laut und pseudointellektuell an den Nachbartischen herumschwadronieren, während neben anderen alten Damen auch mal ein Punk lümmelt, doch diese Masse an schwarz gekleideten Jugendlichen, die an diesem Tag ins Cafè drängen, ist zuviel für die biedere Dame. Sie verlässt das Heider.

Bild: © Armin Kober

Es ist der 30. April 1988. Walpurgisnacht. Zwanzig Jugendliche verabreden sich zu einer kleinen Feier an der Schloßruine Belvedere in Potsdam. Darunter auch Michael. Er ist der spätere Initiator des ersten WGT: Michael W. Brunner. Den Treffpunkt hier im alten Cafè Heider für diesen Tag, hatte er mit ein paar Freunden schon lange ausgemacht. Doch dann, ganz ohne Handy, ohne Internet – allein durch Mundpropaganda werden aus den ursprünglich 20 Verabredeten, hunderte aus der schwarzen Szene. Sie reisen aus allen Teilen der Republik an. Das ist der Grund warum das traditionsreiche Café an diesem Tag voller „Grufties“ ist.



Schließlich läuft die bunt-alternativ-schwarze-Außenseiter-Mischung friedlich zum Schloss Sanssouci und von dort Richtung Belvedere zu ihrem Treffpunkt auf dem Pfingstberg. Doch die spontane Zusammenkunft der Szene wird jäh unterbrochen. Die Volkspolizei greift ein, führt den Großteil der Leute ab und bringt sie teilweise in Untersuchungshaft. Einige schaffen es sich im Wald zu verstecken. Doch nur an die 50 Leute schafften es den Abend wie geplant zu verbringen. Brunner:  „Es gab in der alternativen Jugendszene der DDR einen starken Zusammenhalt. Der dunkle, darkige Mensch war in unseren Cliquen der Übergang zwischen dem totalen Popper und den Punks. Zunächst und generell aber war unser gemeinsamer Feind der ‚Stino’ - der STInkNOrmale Bürger…“

Bild: © Armin Kober

Mit dem Zusammenbruch der DDR verlor sich dann jedoch kurzfristig der Zusammenhalt der alternativen DDR-Szene. Die politische Wende führte zu Entfremdung. Einzelne Lebensentwürfe veränderten sich, gängige Strukturen wurden brüchig. „Die Leute waren orientierungslos!“, berichtet „Mütze“ Mileu-Kenner und Alt-Grufti. Brunner versammelte dann 1992 die schwarze Szene im Connewitzer Eiskeller zum ersten Wave-Gotik-Treffen. Von der geplanten Zusammenkunft erfuhr Mütze durch Mundpropaganda. „Wir haben uns nicht getraut mit dem Zug zu fahren, befürchteten Skinhead Überfälle. „So sind wir dann mit meiner Gruftie-Schwalbe und wehendem Dracula-Umhang nach drei Stunden Fahrt am Eiskeller angekommen. Haben nicht schlecht gestaunt, standen da doch schon an die tausend herausgeputzte Grufties vor der Konzerthalle.“ „Alle dachten dieses Treffen sei das letzte große und dann war es das mit der Szene.“

Bild: © Marco Schwarz

Doch dieses erste WGT übertraf alle Erwartungen. Hatten die Veranstalter doch nur mit wenigen hundert Leuten gerechnet und nun waren es 2000. Ganz ähnlich wie auf dem Potsdamer Pfingstberg. Leipzig, das schon zum Ende der DDR-Zeit als heimliche Hauptstadt der Szene galt, brillierte nun mit dem Wave-Gothik-Treffen und setzte zu einer Erfolgsgeschichte an, die damals noch keiner absehen konnte. Und heute? Da alles anders und größer ist? Haben die Grufties der ersten Stunde da überhaupt noch Lust auf's WGT? „Entfremdet sind wir nicht, so Mütze, zum WGT – so sagen wir immer: Da kommen wir heim.“

Bild: © Philip Hermisson

von Sarah Patscheider

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