Wenn Grufti und Pastel Goth aufeinander treffen

WGT 2016

Bild: © Marina Kugelmann

Jedes Jahr zum Wave-Gotik-Treffen strömen tausende Gothics aus der ganzen Welt nach Leipzig. Die Szene ist mittlerweile schon so groß, dass schon lange nicht mehr heißt: Wir gegen den Rest der Welt, sondern: Ist man mit rosa Glitzer-Haaren noch ein richtiger Goth?

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An Pfingsten färbt sich Leipzig schwarz. Sicher? In den vergangenen Jahren ist die „schwarze“ Szene immer bunter geworden. „Im letzten Jahr war Kunstblut sehr angesagt!“, so Kerstin Sieblist, Kuratorin der Ausstellung „Leipzig in Schwarz. 25 Jahre Wave-Gotik-Treffen". Unter den klassischen Gothics mischen sich mehr und mehr Paradiesvögel. Das liegt daran, dass die Szene immer größer wird und sich damit auch immer mehr Einflüssen stellen muss. „Es ist eine eigene Bewegung, mit eigener Mode und Trends.“, weiß auch Sieblist.
Jedes Jahr etablieren sich neue Stilrichtungen. Schwarz ist nicht mehr schwarz. Steampunks tragen vornehmlich braun und gold, Cyber Goths lieben es grell und Pastel Goths mischen schwarz mit einem zarten Ton.
Undenkbar für viele alteingessene Szene-Gänger. Für sie sind die „Buntis“ nur auf der Suche nach einem Laufsteg. „Die wollen bloß eine Bühne, um anzugeben. Das hat nicht mit der Lebensart zu tun!“, schreibt ein WGT-Besucher in der „Wave-Gotik-Treffen“-Facebook-Gruppe. Viele Besucher stört, dass das Treffen mit jedem Jahr bekannter, größer und kommerzieller wird. Die Kritik: Das hätte mit dem Ursprung der Szene nichts mehr zu tun. Es ginge schließlich um Musik und eine Lebenseinstellung. Schwarz sei Ausdruck dieses Lifestyles.
Dieses Jahr beginnt das Festival im Vergnügungspark Belantis. Während sich die eine Hälfte der Besucher aufregt, dass das ja nun überhaupt nichts mehr mit „Gothic“ zu tun hätte, verteidigen andere: „Auch Gothics können lachen. Redet doch nicht immer alles schlecht!“, so ein Fan auf Facebook.
Gerade für Außenstehende ist die Vielfalt der Szene ein Erlebnis. Leipzigs Cafés und Restaurants platzen förmlich aus allen Nähten zu Pfingsten, ganze Reisebusse fahren Richtung Agra, um die schillernden Outfits zu bewundern und die Hotels in Leipzig sind nicht nur wegen der WGT-Besucher ausgebucht. Längst gibt es Besucher-Besucher.
Auch Die Kuratorin der WGT-Ausstellung schwärmt von den Varietäten der Szene. Besonders beeindruckt habe sie das Vertrauen und der Aufwand, den einige WGT-Fans auf sich genommen hätten: „Das ist ja auch eine Kostenfrage. Teilweise kamen Leute aus dem Harz, um ihre Kostüme an uns zu verleihen.“, beschreibt Sieblist. Beim Aufbau der Ausstellung war Sie auf diese Hilfe angewiesen: „Wir hatten kein Archiv. Vielleicht ein paar Schuhe, aber mehr auch nicht. Deshalb haben wir letztes Jahr Zettel verteilt. Die Resonanz war riesig.“
Die meisten Goths freuen sich über den positiven Eindruck, den sie in ihrem Umfeld hinterlassen und zeigen gern, wie vielseitig „schwarz“ sein kann. Andere bleiben lieber für sich, tragen Band-Shirt und Nietenarmband. Auch das ist Teil der Szene. Die Lösung heißt Akzeptanz.
Das WGT ist nicht mehr das, was es vor 25 Jahren war. Wir sind auch nicht mehr, was wir vor 25 Jahren waren und das ist auch gut so. Die Welt dreht sich schließlich weiter.

von Maria Gregor

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