Die gesündeste aller Krankheiten

„Orthorexia nervosa“

Bild: © Brent Hofacker - Fotolia.com

Ein neues Phänomen in der Ernährungswissenschaft weist darauf hin, dass immer mehr Menschen versuchen, ihr Leben mit einem außergewöhnlichen Essverhalten in den Griff zu bekommen.

Anzeige

Ein knackiger Bio-Apfel zum Frühstück. Dazu ein vitaler Wildkräuter-Smoothie mit Goji-Beeren. Mittags vielleicht ein leckerer Salat mit selbst gebackenem Vollkornbrot. Am Abend wird gedünstetes Gemüse auf Hirse serviert. „Gesünder geht’s nicht!“, könnte man denken. Doch für manche Menschen wird der Gedanke an eine gesunde Ernährung zur Obsession. 

Nahrung ist dann nicht mehr nur Lebensmittel, sondern Lebensmittelpunkt. In diesem Fall ernährt man sich so gesund, dass in Fachkreisen von Orthorexie gesprochen wird: der krankhaften Fixierung auf (vermeintlich) gesundes Essen.

Erstmals diagnostiziert wurde „Orthorexia nervosa“ von dem Alternativmediziner Steven Bratman, der selbst eine Zeit lang darunter litt und am Ende nur noch Obst und Gemüse aß, das nicht länger als 15 Minuten zuvor geerntet wurde. Oftmals bauen Orthorektiker ihre Nahrung selbst an, sind Stammkunden im Bioladen oder beim Bauernhof des Vertrauens. Die Einkaufsliste wird tendenziell immer kürzer: Erst fallen tierische Produkte weg, dann landet nur noch original asiatischer Reis und Hirse aus Afrika im Kochtopf. Manche Ernährungsberater sehen in dem Zwang, sich gesund zu ernähren, sogar fanatisch-religiöse Züge – gesundes Essen als Schlüssel zum Erfolg, ja zu einem reinen, besseren Leben im Vergleich zu den fleischfressenden Fertiggerichte-Käufern.

Doch der krankhafte Fokus auf die Qualität der Lebensmittel ist oft eine Vorstufe der Anorexie (Magersucht) und führt über kurz oder lang zu Untergewicht und Mangelerscheinungen, die therapeutisch behandelt werden müssen. Nicht zu unterschätzen ist zudem die soziale Komponente. Denn wenn beim Essen Genuss durch Leistung und Kontrolle ersetzt wird, leiden Freundschaften und treten gesellschaftliche Aktivitäten wie Kochabende, Picknicks oder Restaurantbesuche in den Hintergrund.

Dabei sollte Essen doch viel mehr als Nährwerttabellen und naturnahe Anbaumethoden darstellen: Essen heißt Genießen, Essen heißt Zusammenkommen und sich kennenlernen, Essen heißt letztendlich Vergnügen und Vielfalt.

 

In Deutschland sollen rund 1% der Bevölkerung von Orthorexie betroffen sein, darunter vergleichsweise viele Männer. Anders als bei Anorexie steht nicht die Quantität, sondern Qualität der Nahrung im Vordergrund.

von Johanna Leisgang

Zurück