TOD DEN HIPPIES – ES LEBE DER PUNK

Samstag Premiere in Leipzig

Blixa Bargeld (Alexander Scheer), Nick Cave (Matc Hosemann) und Robert (Tom Schilling)
Blixa Bargeld (Alexander Scheer), Nick Cave (Matc Hosemann) und Robert (Tom Schilling)

Bild: © X Verleih

Einen unprätentiösen Film über die 80er in Berlin zu drehen. Das geht nicht? Oskar Roehler, einer der verrücktesten und begabtesten Filmchronisten Deutschlands, hat es getan. Am Samstag feiert der Film Premiere in Leipzig.

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Langeweile kommt keine auf. Dafür sorgt Oskar Roehlers tief in die eigene Biografie getauchtes Werk auf alle Fälle. Wer jedoch eine nostalgisch verklärte Reise in die deutsche Punk-Szene der 80er Jahre erwartet, wird mit seinen Retrosehnsüchten allein bleiben. Roehler nährt diese nicht. Aber von Beginn: Für nicht Hippies muss der Schulalltag Anfang der 80er Jahre die Hölle gewesen sein. Die Hippie-Hölle genauer gesagt. Diesen Eindruck erhält man jedenfalls, wenn man den Protagonisten des Films Robert (Tom Schilling) in seiner Schule beobachtet. Überall langhaarige, bekiffte, dem Klassenkampf verschriebene 68er, mit denen Robert und sein Freund Gries (Frederick Lau) so gar nichts anfangen können. "Ich will nicht werden, was was ich werden könnte. Ich will werden, werden, werden was ich werden will..." singt Punk Legende Blixa Bargeld. Diesem Credo folgen auch die Freunde. Der radikal vollzogene Schritt zum Punk, wird begleitet vom radikalen Schnitt der Haare. Als der Iro steht, steht auch die Kehrt des Inneren nach Außen. Mit seinem Kollegen Schwarz zieht es den Protagonisten nach Westberlin, wo er in der Peep-Show arbeitet. Hier kann die Alt-Punk Seele kurz etwas Nostalgie schnuppern. In der Peep-Show, dem Arbeitsplatz der Jungs trifft Robert auf schillernde Figuren: Nick Cave und Blixa Bargeld, von den Bad Seeds tauschen Zungenküsse und Cave will lieber saufen, als das Gehirn operiert zu bekommen: „I’d rather have a bottle in front of me than a frontal lobotomy.“

Das in der Punk-Boheme jedoch nicht nur gesoffen wird, erfährt Robert am eigenen Leib. Er verfällt den Amphetaminen und beginnt schon bald seinen Vater zu bestehlen um sich den Stoff noch leisten zu können. Der Albtraum beginnt. Und es bleibt ein persönlicher. Denn Roehler geht es nicht um eine realitätsnahe Retrospektive der Punkszene. Wie im Theater kommt man sich zuweilen vor, nicht nur aufgrund des begrenzten Filmpersonals vor. Auch die vielen Brüche, die Roehler einarbeitet und die zu einem regelrechten Verfremdungseffekt beitragen, lassen dieses Gefühl aufkommen. Beobachtet man Robert, wie er immer tiefer in seinen Strudel gerät, wird einem klar: Satre hatte Unrecht, die Hölle, das sind gar nicht die anderen. Weshalb Punk als Szene auch kaum eine Rolle spielt. DIe Hölle, ist in uns selbst. Wir sind uns unsere eigenen Dämonen. Roberts innere Hölle ist es, die wir beobachten, die Punk-Szene dient nur als Abbild dessen, was das Seelenleben des Protagonisten ist. Retro, Nostalgie und Vintage sind dieser Tage so dermaßen überstrapaziert, das es gut tut diesen Film, mit all seinen Brüchen, so ent- und verfremdet zu seinem historischen Hintergund zu sehen. Denn gerade diese Verfremdung lässt dann doch zu ab und an einen kleinen Schimmer der Epoche Punk durch scheinen.

von Sarah Patscheider

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