Stadtastronauten - Teil 13

Was nachher geschah...

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EIne Leipziger Kurzgeschichte. Verwirrung auf Repeat, am Beat der Stadt, am Herzschlag der Generation Y. Aufmerksame Leser haben längst bemerkt, dass die Literatur Reihe "Stadtastronauten" des Leipziger Autors Erik Tenzler sich von Monat zu Monat in den ZeitPunkt und unsere Köpfe geschlichen hat. Wer es verpasst hat oder noch einmal lesen möchte, kann das hier tun.

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„Filme sind eigentlich scheiße“, sagt Robert und trottet neben mir in Kaffeebohnenschritten durch den Tag.

Er ist heute ziemlich traurig und das überträgt sich dann immer auf das ganze Viertel: Überall, wo wir schon waren, lassen die Häuser die Schultern hängen, wenn Robert seufzt, wehen die Leute in seinem Wind und die Vögel flüstern nur noch.

„Du musst mich jetzt rügen, dass man das so pauschal ja nicht sagen kann“, sagt Robert und seufzt.

„Wollte ich ja gerade ...“

„Okay, okay, dann nehme ich es zurück und behaupte das Gleiche nochmal: FAST alle Filme sind eigentlich scheiße, weil sie die großen, beschissenen Gefühle, die, die du im wahren Leben kaum aushalten kannst, weil sie die immer gleich darstellen – in Zeitlupe, mit Regen und dazu ein wunderbar trauriges Lied von Oasis oder so, so dass man als Zuschauer bei guter Laune bleibt und sich schön ausstrecken kann in dieser Wochenend-Krise, in dieser Angststörungs-Gratisprobe, diesem Borderline-Monatsabo, ...“

„Ja, ja, ich habs verstanden.“

„Aber wenn du dich im Winter barfuß, nur im Jogginganzug im Park wiederfindest, nicht weißt, wo du bist und wann du das letzte Mal geschlafen hast, wenn du dann zugedröhnt und fixiert in der Klapse aufwachst und nicht weißt, wie lange du noch ans Bett gefesselt sein wirst, macht dir keiner ein schönes Lied an und spult vor bis zur guten Besserung. Dann ist es still bis auf deine Schreie, dein Weinen und das Knirschen, wenn du langsam krachen gehst. Das zeigen die Filme fast nie und deswegen denken wahrscheinlich die meisten Leute: ‚Ach, das bisschen Depression macht sich von allein, die Psychiatrie ist ein Ort, an dem man gesund wird, und zum Glück hat das alles nix mit mir zu tun, denn ich hab ja immer gute Laune.‘“

Neben uns im Gebüsch fängt jetzt ein Vogel an, zu singen. Robert bleibt stehen.

„HAST DU NICHT GEHÖRT?“, schreit er. „ICH BIN GEGEN DAS DOGMA DER GUTEN LAUNE UND FÜR DIE GROSSEN, BESCHISSENEN GEFÜHLE!“

Der Vogel zwitschert einfach weiter.

„Komm, Mensch, der ist auf deiner Seite“, sage ich und ziehe Robert in den Park, wo der April sich alle Mühe gibt.

von Erik Tenzler

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