Von Arty bis Artig

Die Achtziger Jahre in und um Leipzig

Bild: © pifate - Fotolia.com, Ventil

Für die Einen waren die Achtziger die besten Jahre ihres Lebens, für die Anderen die widersprüchlichsten. Die Jugend von damals ist heute erwachsen und erinnert sich zurück: An Momente als gefeierter Schallplattenunterhalter oder als systemkritische Punkband - eine Rückblende, die von DJ Herby bis Orwell reicht.

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Leipzig, 1981. Im Jugendclub „Am Übergang“ im Plattenbaukomplex Grünau drängen sich junge Körper dicht an dicht. Ihr aufgeregtes Flüstern und Kichern begleitet das Warten auf den Beginn der Show. Auf einmal fällt Licht auf die Bühne, eine weiße Gestalt erscheint und spricht: „Ich bin dein DJ, dein Gott.“ Stille. Dann wie in einem Ton der Erleichterung: „Halleluja.“ Das Licht geht an, aus den Boxen rollt die Neue Deutsche Welle auf das Publikum zu, das sich nun in wilden Bewegungen verliert. Die Show der Disko Herby-Mann hat begonnen.

Szenenwechsel nach Möckern. Dort stehen im selben Jahr die Punks Chaos, Zappa, Rotz und Typhus der Band „Wutanfall“ auf der wackligen Bühne. Punk, das war damals der Underground.
„Beim Einstufungstest wurden bis Mitte der 80er Jahre Punkbands, wenn sie denn dort antraten, fast grundsätzlich abgelehnt. Mindestens in dem Sinne, dass man gefordert hat, den Namen zu ändern“, sagt Alexander Pehlemann. Mit Bert Papenfuß und Robert Mießner gab er kürzlich das Buch „1984! – Block an Block - Subkulturen im Orwell-Jahr”. heraus.

„In den Texten geht darum, was das Jahr an Kulturprodukten oder an Subkulturen geliefert hat, wie es sich in die Zeit eingefügt hat. Das war mit dem 1984 naheliegend, weil es eine Zeit der Blockkonfrontation war, eine Zeit des atomaren Wettrüstens, eine Zeit, wo die gegenseitige Auslöschung der Blöcke eben auch in der Luft stand. Es war mehr ein Weltgefühl, das verstärkte sich auch durch die Wahrnehmung der ökologischen Probleme, Tschernobyl rückt dann nochmal 1986 nach, es gehörte zum Zeitgeist. Auch aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln“, sagt Pehlemann.

Herby Mann, mit bürgerlichem Namen Herbert Schmidt (68), schwebte da schon in ganz anderen Sphären. Genau in dem Spaltenjahr zwischen 1984 und 1986 erwarb er die Sonderstufe - die Königsklasse der Diskomoderation. Mit dieser Auszeichnung konnte er auch im sozialistischen Ausland auftreten.

Offiziell gab es in der DRR keine DJs, sondern SPUs – SchallplattenunterhalterInnen. Das war eine Mischung aus einstudierten Bühnenshows, Quizrunden und Playlists. Um eine Disko moderieren zu dürfen, musste man einige Behördengänge erledigen und seine Haltung zum real existierenden Sozialismus unter Beweis stellen. Klingt aus heutiger Sicht komisch, war aber so. „Wir waren nicht dazu da, die Massen zu unterhalten, sondern wir hatten eine politisch-erzieherische Arbeit zu verrichten“, erinnert sich Schmidt.  

In den Achtzigern fiel der politische Teil der Prüfung dann ganz weg, erzählt Steffen Dreihöfer (56) aka Mobildisco Know-How. Die Behördengänge blieben jedoch: Zunächst musste man sich vom Kabinett für Kulturarbeit einen Vorstellungstermin geben lassen. Nach erfolgreicher Vorstellung ging es mit speziellen Lehrgängen weiter, worin den angehenden DiskomoderatorInnen das Handwerk beigebracht wurde. Es folgte die eigentliche Herausforderung: mit einem eigenen Bühnenprogramm mussten sich die jungen Leute einer mehrköpfigen Jury vorstellen. Casting auf sozialistisch oder überspitzt: die DDR sucht den Super-SPU. Über 120 mobile Diskotheken wurden in Leipzig derart produziert.

Steffen Dreihöfer als Diskomoderator
Steffen Dreihöfer als Diskomoderator

Bild: © Dreihöfer

In den Jahren vor Herby Manns Sondereinstufung 1985 hat es in der Punkszene vielleicht ähnlich viele Leipziger Bands wie “L’Attentat”,”Die Art”, oder “Zorn” gegeben. Auf den Straßen räumten die Besenwagen auf, in den Proberäumen die Sprachpolizei.
Die Konformität wollten nicht alle. L’Attentat-Sänger Bernd Stracke musste sogar ins Gefängnis. „Weil das System eine große Paranoia hatte, dass dort jugendkulturell etwas Heranwachsen könnte, was auch politisch relevant wird und umschlägt in eine größere Bewegung, womit man nicht fertig werden könnte.“, meint der Journalist Pehlemann.

Damit die Jugendlichen eben nicht auf dumme Gedanken kamen, musste jeder Stadtbezirk, jeder Betrieb und jede Uni in der DDR einen Jugendclub haben. Und in diesen Jugendclubs waren es vor allem die SchallplattenunterhalterInnen, die den jungen Menschen Abwechslung und Unterhaltung boten.

In der zweiten Hälfte der Achtziger waren irgendwann auch die HipHopperInnen unterwegs. In den Sporthallen der DDR wurde vor allem der sogenannte Breakdance getanzt. Ein Tanz bei dem agile und geschmeidige Menschenkörper Pirouetten auf Hand und Kopf aufführen. Zwischen März 1985 und Oktober 1989 fanden in Leipzig sogar die acht offiziellen Breakdance-Workshops statt. Workshops waren der urste Renner.

Und dass obwohl „HipHop vom großen kapitalistischen Feind (USA) kam und damit zunächst Tabu war“, erinnert sich DJ Opossum. „Bis den Verantwortlichen auffiel, dass sich HipHop ja gerade gegen diesen Feind zur Wehr setzte und gegen die Auswüchse des kapitalistischen Systems aufbegehrte.“ Man sprach Englisch, lachte die Eitelkeiten der Obrigkeit weg und läutete so mit die kulturpolitische Umbrüche ein, welche schließlich dazu führten, dass die marxistisch-leninistische Linie der DDR zu verschwimmen begann. Menschen gingen irgendwann auf die Straße…das Ende ist bekannt.

Herby-Mann und Dreihöfer haben die Wende in der Leipziger Musikindustrie überlebt und treten heute noch manchmal auf. Ob sie im Herbst 89 auch auf den Straßen waren? Die Angst vor Überwachung und Repressionen war damals allgegenwärtig. Dass auf den Plätzen in Leipzig gefilmt wurde, das war klar. Aber nicht nur dort: „Dies gab es schon auf der Sportschule, wo ich 84 war, weil man dort als potentieller Auslandskader als Sportler auch überwacht wurde. Das wurde uns auch übermittelt. Aber eben nicht bis zu den strafrechtlichen Konsequenzen“, erzählt Pehlemann.

Ob SPUs, Breakdance-Workshops, Punks, Underground und Mainstream, Überwachung und Rebellion,  die Achtziger in Leipzig waren sichtlich ein bewegendes Jahrzehnt.

Herbert Schmidt in den Achtzigern
Herbert Schmidt in den Achtzigern

Bild: © Schmidt

Woraus eine damalige Mobildisco so bestand:
Verstärker, Lautsprecherboxen, Mischpult und Equalizer, Kassettenrekorder, Lichttechnik, große Rampe mit Farbscheinwerfern, Spiegelkugel mit Strahlern, Stroboskop, UV-Lichtgerät, farbiger Lichtschlaub, über Scheibenwischer angetriebene Strahler, Lichtkästen am Bühnenrand, zusammenklappbarer Aufsteller mit Diskoname und farbigem Leipzigbild, Requisitenkoffer, Mikro mit Galgenständer. Im Grunde halfen Selbstbau, D-Mark und kleine Privatfirmen, die Produkte nach Kundenwünschen anfertigten. Alles andere wie Mixer, Stroboskope etc. kamen unter der Hand aus Leipziger Kellerwerkstätten. Die Ausrüstung wurde dabei für jede Veranstaltung mit dem eigenen PKW transportiert, vor Ort auf- und abgebaut, was wiederum einen guten nebenberuflichen Dazuverdienst für notwendige FahrerInnen und TechnikerInnen bedeutete.

Buch „1984! – Block an Block - Subkulturen im Orwell-Jahr” (Herausgeber: A. Pehlemann, B. Papenfuß, R.Mießner, erschienen im Ventil Verlag 2015)

 

von Trang Dang, Philip Warschkow, René Krempin

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