Werther in unserer Zeit

Ein Stück auf der Bühne der naTo

Bild: @ Dirk Wurzel

Die Leiden des jungen Werther – neu inszeniert mit Geflüchteten aus dem Iran, Israel, Indien und Syrien. Markus Gille meint, Menschen gefunden zu haben, die den deutschen Klassiker besser verstehen als Deutsche und bringt das Stück auf die naTo-Bühne.

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Der Sprachlehrer und Regisseur ist der Meinung, dass sich die meisten Deutschen in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr in die Leiden des jungen Werther hineinversetzen können.
Der Umgang mit Gefühlen zwischen Mann und Frau in Zeiten des Sturm und Drang mag uns zwar völlig fremd sein – in vielen Ländern, so z.B. in einigen im Nahen Osten sind ähnliche Strukturen allerdings immer noch sehr präsent.
Über seinen Hauptdarsteller Amir Nikou sagt Gille, dass die Geschichte für diesen genau wie für die anderen Schauspieler ganz schnell zu verstehen gewesen sei. Überhaupt habe sich die Idee, den Werther neu zu inszenieren erst dadurch ergeben, dass der iranische Darsteller, eigentlich ausgebildeter Sänger, so perfekt in die Werther-Rolle gepasst habe.
Auch Bharat Solanki, ein weiterer Darsteller, hat in seinem Heimatland Indien schon Show Biz-Erfahrungen gesammelt. Ziel des Projektes sei neben der Kunst auch der Gedanke gewesen, Schauspielern, die hier Zuflucht erhalten haben, schnell zu helfen, auf der Bühne zu stehen und damit eine Motivation zu geben, sich richtig mit der deutschen Sprache zu beschäftigen.
Das Projekt „Werther in unserer Zeit“ entstand durch Zusammenarbeit mit der Sprachschule Berlitz, die unter anderem Kurse für Geflüchtete anbietet und aktuell 25-jähriges Bestehen feiert.
Zunächst habe Markus Gille noch gedacht, er müsse die Darsteller zu deutschen klassischen Schauspielern machen. „Bis ich relativ schnell begriffen habe, dass das niemals geht und dass eigentlich der Wert darin besteht.“
Amir Nikou erzählt von Neda Agha-Soltan, einer Iranerin, die bei Protesten zu Tode gekommen ist und seither als Symbol des Widerstands im Iran dient. „Der Märtyrer im Stück war für mich wie die Märtyrer im Iran, die gegen die Regierung protestieren (…) In der einen Szene fühle ich die Leute, die Freiheit wollen für mein Land und das ist für mich große Emotion.“
Mayjia Gille stellt klar, dass der Text umgeschrieben wurde und es sich nicht um einen klassischen Werther handelt – „Deswegen braucht es viel Freiheit und Offenheit, sich darauf einzulassen.“
Amir Nikous abschließenden Worte sind: „Die Leute haben vielleicht erwartet, dass sie etwas amateurhaftes sehen und haben gesagt „Oh Ausländer spielen“ oder so, aber ich denke, wir haben es so gemacht, dass die Leute „Wow“ gesagt haben“. Man darf gespannt sein!
Angedacht ist schon ein weiteres Projekt – dabei soll es sich dann um Schuberts Winterreise drehen.

Termine

Aufführungen finden am 03.09.16, 04.09.16 und 05.09.16 in der naTo statt.

von Ines Gerber

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