Auf einen Pfeffi mit...

Fatoni

Bild: © Conny Mirbach

In unserer Kategorie "auf einen Pfeffi mit..." trafen unserer Redakteurinnen Sarah und Nhi auf den, nach eigenen Angaben, "besten deutschen Rapper der Welt". Gönnt euch!

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Nachdem Fatoni mit seinen alten Platten jahrelang ein Publikum suchte, das ihn versteht, kann er sich nun im Erfolg seines mit Dexter produzierten Albums "Yo, Picasso" sonnen. Gerade auf Deutschland-Tour machte er letzte Woche in Leipzig stopp. Bevor er dem Conne Island die Ehre erwies, sprach er mit uns über sein Dasein als Kritikerliebling und warum er sich selbst weitab vom Mainstream sieht.

 

 

Dein letztes Jahr war ziemlich turbulent. Du warst auf Tour mit, zum Beispiel Weekend oder Fettes Brot. Jetzt steckst du mitten in deiner eigenen Tour. Ist das für dich ein anderes Gefühl, hat sich irgendetwas verändert?

 

Es ist schon anders, als Support kommen die Leute nicht wegen dir. Ich war bei manchen Bands einfach mit auf Tour, wie bei der Antilopen Gang und auch bei Weekend. Das war nach dem Albumrelease, da war ich eigentlich fast schon zu groß, um als Vorband mitzugehen. Aber wir hatten das so abgemacht. Man merkt schon die Leute sind immer wegen der Hauptband da. Es ist ein großer Unterschied jetzt alleine die Tour zu machen, alleine schon, weil ich jetzt einfach dreimal so lang spiele. Ist also auch viel anstrengender, aber auch cool. Und auch, dass man man endlich mal die Realität sieht. Die Kritiken davor und auch die Internetsachen, da weiß man gar nicht wie es in echt ist. Jetzt seh ich ein bisschen wie es ist, weil ich in jede Stadt fahre und da so und so viele Leute kommen. Das war auch ganz klar das Ziel der letzten Jahre, mit den ganzen Auftritten, dass man sich auf die Art eine Basis erspielt.

 

In Gravitationswellen sagst du ja, dass jeder dumme Spast jetzt nach dir fragt, als wärst du der Wi-Fi-Code. Hat dich der Hype, der mit deinem Album einherging überrumpelt und hättest du mit so vielen guten Kritiken gerechnet?

 

Nein so viel nicht. Also ich dachte schon, dass es ganz gut ankommen wird, weil es mir auch viele Leute gesagt haben, denen ich vertraue. Aber das war dann schon viel extremer als ich dachte. Allgemein las man in der Presse viel Positives und teilweise auch schon so sehr, dass es mir unangenehm wurde – auch gegenüber den anderen. Damit meine ich meine Kollegen und die Leute mit denen ich viel zu tun habe, die ich selber geil finde. Mein Album kam als eines der letzten in einer Reihe vieler guter Alben. Dann hieß es ganz oft „Album des Jahres“. Wobei das ZM-Album auch oft den gleichen Titel in anderen Listen bekam. 

 

Ich fand das auch echt krass, weil dich viele sogar vor KIZ gesehen haben.

 

Kritiker sind aber einfach so, die sehen das auch als ihren Job. KIZ sind ja auch so riesig, die haben es dann vielleicht auch schwerer, als wenn man aus der Underdog-Position kommt. Aber in der Juice war KIZ vor mir, ZM und Audio & Yassin auch.

 

Du hast auch letztes Jahr in einem Juice-Interview gesagt, dass du eigentlich keine richtigen Hardcore-Fans hast. Hat sich deine Sicht durch das Album verändert oder verstärkt?

Das war vielleicht so, beziehungsweise, ich hab es gar nicht gewusst. Das ist das, was ich vorhin meinte mit der Realität. Ich hab nicht gewusst, wie es ist und jetzt ist es schon anders. Ich merke das auch gerade auf der Tour. Das Album hat das auch sehr verändert. Es gibt schon auf jeden Fall Hardcore-Fans, nicht so krass viele, aber schon die klassischen ersten Reihen. Das hat man auch jetzt auf der Tour gemerkt, sowas überfordert mich dann teilweise, weil die dann wirklich alle mein Shirt anhaben und alle jeden Satz können. Ich mache einen Song, wo ich Strophen von Cyphers rappe. Und da gibt es dann Leute, die kennen dann davon jede Zeile. Von irgendwelchen komischen Cyphers, 40 Zeilen-Strophen und es gibt einfach Leute, die kennen dann alles davon.

 

Als du beispielsweise bei Weekend auf Tour warst, hast du das beim Blick in die ersten Reihen, bestimmt eher nicht gemerkt, oder?

 

Ja das war gut, das war auch der Plan. Also wenn bei Weekend ganz viele Leute wegen mir gekommen wären, wäre das für mich aus marktwirtschaftlicher Sicht ziemlich dumm gewesen. Die wären dann zum Beispiel jetzt nicht zu meiner eigenen Tour gekommen, weil die dann sagen „den habe ich ja schon gesehen“. Zum Beispiel habe ich in Bremen gemerkt, dass es sich schon gelohnt hat. Da kamen ein paar Jungs, Teenager auf mich zu und die meinten: „Voll cool, das letzte Mal warst du mit Weekend hier, da kannten wir dich noch nicht“. Und das ist ja der Plan, wenn du Support bist.

 

Da hast du ja echt perfekt alle Zielgruppen abgedeckt, mit Weekend die Teenies, mit Fettes Brot das ältere Semester..

 

..und mit den Antilopen die coolen Leute, das war jetzt ein bisschen gemein (schmunzelt). Da hat man aber auch echt schon gemerkt, da kannten mich schon mit Abstand die meisten Leute. Die Zielgruppen überschneiden sich da natürlich schon viel mehr.


Ich hab auch oft gelesen, dass man dich auch als „Anachronisten des Rapgame“ bezeichnet hat, würdest du das auch selbst so einschätzen oder dich in so eine Nische stellen?

 

Ich müsste mal kurz Anachronist googeln, ich hab’s gerade vergessen, voll peinlich! (lächelt beschämt und zückt sein Handy)

Ich tue mich immer sehr schwer damit, mich selbst zu beschreiben, was ich mache. Beispielsweise ist Gravitationswellen ja schon sehr zeitgeistig. Es ist auch so ein Klischee, aber ich mache eigentlich immer worauf ich Bock habe und denke da gar nicht drüber nach, ob das jetzt angesagt ist oder nicht. Es klingt immer so, wenn ich das ausspreche, als würde ich das nur sagen, weil es cool klingt. Ich hab ja mit Juse Gravitationswellen gemacht und er meinte dann, dass das schon ein Trap-Song ist und den Zeitgeist trifft. Bevor er das gesagt hat, habe ich da gar nicht drüber nachgedacht.

 

Ach so und ich hab das alles, als so riesigen Scherz aufgefasst.

 

Ich hab die Zeile mit „Macht Fatoni jetzt Trap“, erst geschrieben, nachdem Juse das thematisiert hat. Weil er auch meinte, er wolle das nicht machen mit dem Trap.

 

Auch interessant, dass dir das erst im Nachhinein so bewusst geworden ist.

 

Ich versuche bewusst die Gedanken auszugrenzen „Was könnten die Leute sagen, wenn ich das jetzt mache?“. Weil ich für mich gemerkt habe, so zu denken ist irgendwie immer nur eine Bremse und nie  konstruktiv.

 

Deine Lieder sind ja auch sehr ironisch und sarkastisch. Ich habe mitbekommen, dass das Leute oft fehlinterpretieren. Zum Beispiel bei „Tränen oder Pisse“, da meinten viele, dass sie erst bei der Line mit Xaviar Naidoo kapiert haben, was du meinst. Du bist ja niemandem Rechenschaft schuldig, aber würdest du manchmal gern solche Missverständnisse aus dem Weg räumen?

 

Im Nachhinein schon manchmal. Aber das führt auch wieder dazu, dass ich nicht drüber nachdenke, was die Leute sagen könnten. Für mich sind die Sachen, die ich schreibe ja offensichtlich und einige checken es dann eben doch nicht. „Tränen oder Pisse“ ist auch das krasseste Beispiel. Es ist einfach immer wieder überraschend, wie simpel die Leute teilweise sind.

Unsere Redakteurin Sarah im Gespräch mit dem zukünftigen Tatort-Kommissar
Unsere Redakteurin Sarah im Gespräch mit dem zukünftigen Tatort-Kommissar

Bild: © Nhi Le

Du bist ja als Schauspieler in Augsburg tätig gewesen. Viele die sich mit Hip Hop auch nicht so auseinandersetzen, die missverstehen und belächeln ihn auch teilweise. Diejenigen denken auch, Hip Hop gehe nur mit Beleidigungen einher. Hattest du manchmal Angst in deiner Schauspielzeit, dass man dich nicht ernst nimmt, weil du nebenbei Rapper bist?

 

Also bei Leuten in diesem Umfeld auf jeden Fall. Die meisten sind nicht so, das sind Kulturschaffende, die eher offen sind oder zumindest so tun. Aber klar, das mit dem Belächeln passiert, gerade dieses klassische „yo, yo, yo“ (lacht). Aber ich bin überrascht, wie dann auch Mainstream-Leute, normale Leute, Mitte der Gesellschaftsleute, keine Ahnung haben. Vorgestern nach dem Konzert kamen ein paar Jungs zu mir, das waren eher Rock-Metal-Fans. Die haben mir dann erzählt, dass einer alle anderen überredet hat mitzukommen. Für sie war Hip Hop vorher auch nur das typische Klischeedenken. Die Leute können ja dann gar nichts damit anfangen, die machen ja dann auch keinen Unterschied zwischen Haftbefehl und Bushido. Die finden einfach nur alles scheiße, was auch deren gutes Recht ist. Aber es verwundert mich dann doch, dass die Leute das wirklich denken und auch nicht wirklich etwas anderes außer Mainstream mitkriegen. Schon verrückt. Ich merk auch immer wieder, wie weit ich von der Mitte weg bin. Wisst ihr was ich meine? Was ich aber auch ganz schlimm finde, das habe ich zum Beispiel neulich wieder gelesen, dass man dann als Gegenentwurf von zum Beispiel Haftbefehl dargestellt wird, das war ja auch überhaupt nicht die Absicht von irgendjemandem. Die Antilopen rappen das auch in einem von ihren Songs.

 

Der Teaser für dein Album oder auch deine Musikvideos an sich, gleichen Kurzfilmen. Siehst du denn die Clips als Möglichkeit, um diese beiden Berufe zu vereinen, also den Rapper und den Schauspieler?

Ja auf jeden Fall. So richtig gelungen finde ich, ist es mir nur bei „Authitenzität“ im Hotelzimmer. Sonst war es meistens nur oberflächlich, wie dieses „Tränen oder Pisse“-Video im Bundestag. Aber ich finde es bei „Authitenzität“ auch wirklich richtig gut, wie wir da alle spielen. Das Praktische ist ja auch, dass ich so viele Schauspieler kenne, die dann da alle mitspielen.

In einem Interview sagtest du mal, dass sich jede Künstlerbranche irgendwie um sich selbst dreht. Beim Film und beim Theater ist man abhängig von den anderen. Das ist ein Faktor, der für dich für Distanz sorgt. Kannst du sowas auch in der Medienbranche feststellen, wo du ja als Radiomoderator arbeitest?

 

Klar, die Leute kreisen sich schon sehr um sich selbst. Das ist wahrscheinlich nicht mal schlecht, aber die meisten brauchen das irgendwie, so habe ich das Gefühl. Macht einen selber ja auch wichtiger, wenn man sich die ganze Zeit um die Welt kreist in der man selber lebt.

 

Und würdest du das auch in der deutschsprachigen Hip Hop-Szene so sagen?

 

Ja richtig krass, da bin ich auch voll dabei. Ich hab ja schon ein Lied darüber gemacht, das heißt „Deutscher Rap“.

 

Auch die Feuilletons der Zeitungen sind auf dich aufmerksam geworden. In der SZ hieß es ja, dass du ein IQ-Rapper seist, der viel reflektiert und vor allem das Rapperdasein in Frage stellt. Ist das ein Kompliment für dich oder überflüssiger Snob-Journalismus?

 

Vielleicht beides. Ich hab mich auch darüber gefreut. Sehr lustig fand ich, dass sie ein Foto von Creme Fresh genommen haben, meiner alten Band, die es schon lange nicht mehr gibt. Und mich rausgeschnitten haben, ein Foto von 2006, da sah ich voll jung aus, fand ich ganz cool (grinst). Aber schon eher ein bisschen Quatsch. Zum Beispiel war da auch neulich so ein großer Artikel „Eine Alternative für alle die keine Lust mehr haben auf das Gangstergehabe eines Haftbefehl“. Da sind wir wieder bei der Sache mit dem Gegenentwurf. Wir selber, wir sind ja alle Haftbefehl-Fans, ich kenne keinen Rapper, der Haftbefehl nicht feiert. Und da nervt das, wenn man das liest.

 

Themen, die bei dir immer wieder angesprochen werden sind ja auch Verschwörungstheorien oder bei 32 Grad geht es um das Ignorieren der Situation von Geflüchteten. Irgendwie ist es auch so gekommen, dass man mit deiner Musik politische Aussagen verbindet, hast du das Gefühl zum Sprachrohr gemacht zu werden oder gefällt dir diese Rolle als Polit-Rapper?

Ich finde nicht, dass ich ein Polit-Rapper bin. Aber klar, im Kontext von Deutsch-Rap gesehen spreche ich andere Themen an und bin ich dann wahrscheinlich doch ein Polit-Rapper. Ich würde nicht sagen, dass ich zum Sprachrohr gemacht werde, selten lese ich etwas und dachte, das ist unangenehm, peinlich und übertrieben oder so.  Da werde ich zu klug dargestellt, obwohl doch. Manchmal ist es übertrieben, wenn man liest, es ist alles so klug, weil ich selber empfinde mich ja nicht so. Das tun nur die wenigsten wahrscheinlich. Aber ich habe viele Freunde von denen ich sagen würde, die sind viel intelligenter und gebildeter als ich. Das hat wahrscheinlich viel mit dem Kontext zu tun. Ich will jetzt nicht sagen, alle Rapper sind dumm oder so, aber wenn man einen Blick in den Mainstream wirft. Was dann die erfolgreichsten Rapper ansprechen, über was für Themen ein Cro rappt. Wahrscheinlich hat es dann damit zu tun, dass man unterbewusst mit anderen verglichen wird. Mich haben diese ganzen Kritiken schon gefreut, weil ich gemerkt habe, dass es doch verstanden wird. Jahrelang habe ich gedacht, die Leute checken es einfach nicht. Das ist auch gefährlich, wenn man so weiter macht und immer damit rum läuft, die anderen verstehen einen nicht. Dann kann man sehr hängen bleiben und denken, es sind alle zu dumm.

 

Die Produktion von „Yo, Picasso“ hat einige Jahre gedauert. Einerseits, weil du als auch Dexter an eigenen Projekten gearbeitet habt. Andererseits, so hast du es in einem Interview gesagt „soll es auch nicht irgendwas werden“. Es ist ja sehr gut aufgenommen worden und wenn du jetzt an einen möglichen Nachfolger denkst. Würdest du sagen, dass die Zusammenarbeit dann schneller gehen würde?

 

Also wir machen auf jeden Fall keinen Nachfolger, also Dexter und ich, da haben wir auch schon drüber geredet. Ich mache auf jeden Fall eine Platte mit Edgar Wasser. Aber was ich als nächstes Solo mache weiß ich noch nicht. Ich hab einerseits schon das Gefühl, dass ich bald ein Album rausbringen müsste, in einem Jahr oder so. Müsste ich mich echt dran setzen, ich bin leider nicht so schnell. Ich mach auch mit Mine Musik, das ist eine Sängerin. Das sind zwei Kollabo-Projekte. Aber was als nächstes Fatoni-Album kommt, da hab ich noch keinen Plan. Wahrscheinlich keine Platte nur mit Dexter, aber ich hab bei ihm auch gemerkt, dass es sehr cool ist eine Platte nur mit einem Produzenten zu erarbeiten oder einem Produzententeam. Eigentlich möchte ich nicht so ne Platte machen, mit ganz vielen verschiedenen Beats von verschiedenen Leuten. Juse hat sich alle seine Klassiker-Alben angeguckt auch aus Deutschen-Rap und es war immer ein Produzententeam und ein Rapper, bei jeder Platte. Ich weiß es nicht, wer die nächste Platte produziert.

 

Ist ja ne gute Nachricht mit dem Edgar Wasser Album!

Das auf jeden Fall, er ist natürlich wieder mega schnell und ich muss sehr viel nachliefern.

 

Das macht bestimmt auch so ein bisschen Druck oder?

 

Ich bin halt auch doof, ich hab mit ihm ein Album abgemacht und auch mit Mine. Und alle schreiben schon, nur ich nicht. Die beiden sind auch so krass produktive Menschen.

 

Was du dir als nächstes in den Kopf gesetzt hast, hast du ja schon beantwortet. Stehen aber auf deiner Agenda vielleicht auch mal wieder Schauspielprojekte?

 

Nein eigentlich nicht. Mit dem Thema Theater bin ich erstmal durch. Solange ich Musik mache und davon leben kann, habe ich nicht das Bedürfnis, weil ich alles auf der Bühne ausleben kann. Film ist so eine Sache, es ist in Deutschland echt schwierig. Und ich hab auch schon ein paar Sachen gedreht. Aber das meiste Zeug macht man fürs Geld und das weiß auch jeder Schauspieler, jeder in so einer Liga wie ich. Als Rapper bin ich immer noch nicht so bekannt, dass es Einfluss darauf hätte. Und als Schauspieler bin ich ja in gar keiner Liga. Da bin ich ja in der untersten und da gibt es ja eine Menge. Eigentlich habe ich es gerade wegen der Musik nicht wirklich nötig, es zu machen, hab auch schon viele Sachen nicht gemacht. Und hab auch keine Lust, wenn ich’s finanziell nicht machen muss, Quatsch zu machen. Ich glaube ehrlich gesagt wenn, dann müsste ich noch ein bisschen erfolgreicher werden, als Musiker und da könnte ich dann dadurch an die größeren Theater gehen. Das wäre vielleicht ein Weg.

 

 

Das Interview führten Sarah Englisch und Nhi Le 

 

von Sarah Patscheider

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