Gimme Shelter

Im Flüchtlingscamp Idomeni

Bild: © Gregor Bachhuber

Anfang März war ich zum ersten Mal für zwei Wochen im Flüchtlingscamp in Idomeni, an der griechisch-mazedonischen Grenze. Idomeni stand zum damaligen Zeitpunkt im Fokus einer globalen Öffentlichkeit.

Anzeige

Das Flüchtlingslager Idomeni wird sich auf geraume Zeit als Symbol für die Schließung der sogenannten Balkan-Route und die Asylpolitik der europäischen Union in unser Kollektivgedächtnis eingebrannt haben.

4. März. Später Abend.
Zum ersten Mal ist die Nachfrage nach „Shoroba“ (arabisch für Suppe) im Camp in Idomeni nicht unbegrenzt. Zum ersten Mal habe ich den Eindruck, dass die Menschen nicht Hunger leiden müssen und eine grundlegende Versorgung mit Lebensmitteln gewährleistet wird.

Ich bin mit einem Konvoi aus Erfurt wenige Tage zuvor Richtung Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze aufgebrochen. Vorher gab es bereits einen ersten Konvoi der nach Dimitrovgrad in Serbien aufgebrochen war. Wenige Tage nach ihrer Ankunft wurde die Balkan-Route politisch wie faktisch geschlossen. Anschließend kristallisierte sich schnell heraus, dass Idomeni der neue, vorerst letzte Brennpunkt werden würde, und das vorerst letzte Kapitel von etwas, was man bereits in absehbarer Zeit als Zeitgeschichte betrachten wird.

Dass damit nur ein Symptom und nicht die Ursache von etwas behoben wurde, sollte dabei eigentlich jedem klar sein.

Bild: © Gregor Bachhuber

Ich gehe mit meinem syrischen Freund Ali zum vom Dresdner Balkan Konvoi frisch eingerichteten Chai Tee Zelt. Anschließend sitzen wir zusammen am Lagerfeuer nebenan und unterhalten uns.

Ich genieße die Weite des Landes, die Natur und das Panorama, das sich durch die Umrisse des Belasiza Gebirges im Hintergrund bietet. Hinter welchem tagtäglich die Sonne untergeht und es so scheint, als würde sie den Menschen den Weg nach Westeuropa weisen.

Es sind diese Momente, in welchen ich hier meinen Frieden finde. Momente, in welchen man sich mit den Menschen verbunden fühlt. Augenblicke, die einem sogar das Gefühl geben können, auf einem Festival zu sein.

Dann kam der Regen. 

Er sollte für mehrere Tage andauern und das Flüchtlingscamp in Idomeni einer humanitären Katastrophe noch einmal viel näher bringen als man jemals wollte. Innerhalb von wenigen Stunden stand das Camp unter Wasser und mit ihm ein Großteil der Zelte. Man selbst hat inzwischen zwei Paar Socken, lange Unterwäsche, Hemden, Pullover, Jacken und einen Regenmantel drübergezogen, dazu Gummistiefel, um sich überhaupt noch irgendwie im Camp fortbewegen zu können. 

Bild: © Gregor Bachhuber

Aufgrund des Dauerregens schafften es zeitweise nur sehr wenige Menschen zur Suppenausgabe, für viele ging es gerade um etwas noch „existentielleres“ als Essen, nämlich die eigene Gesundheit. Ich weiß noch als ich damals alleine, hilflos und verzweifelt über das Camp gegangen bin und nicht wusste, was ich gerade machen könnte, um den Menschen zu helfen.

Die Situation sollte sich anschließend wieder relativieren, jedoch ist mir dieser Moment am ehesten im Gedächtnis geblieben. Er stellte für mich einen persönlichen Tiefpunkt dar, da ich mir dachte, dass man das Camp so schnell wie möglich evakuieren müsse, um den Menschen zu helfen und ihnen Unterschlupf zu gewähren.

Mitte April bin ich ein weiteres Mal auf eigene Faust nach Griechenland geflogen, da mich das Schicksal der Menschen nicht losgelassen hat. Inzwischen ist das sogenannte wilde Camp, wie es von den deutschen Medien tituliert wurde, von den griechischen Behörden geräumt worden. Die Flüchtlinge befinden sich nun in neuen Camps, die größtenteils vom Militär betrieben werden und in einem desolaten Zustand sind.

Bereits vorher stand der Entschluss für mich fest, ein weiteres Mal und dieses Mal langfristig nach Griechenland zu gehen, um dort selbst- und mittellos am Aufbau eines der neuen Camps mitzuwirken und den Menschen mit allem was ich habe zu helfen.

Letztendlich ist es auch die Ironie unseres Schicksals, die mich antreibt mit den Menschen die kleinen Dinge, die uns das Leben offen hält, zu teilen und zu zelebrieren in ständiger Erinnerung und als Reminiszenz an ein Zitat Oscar Wildes:

„We are all in the gutter,

but some of us are looking at the stars.“

von Gregor Bachhuber

Zurück