"Warum mir Dating auf die Nerven geht"

"Ich bin Sexarbeiterin"

Gabi, 21
Gabi, 21

Bild: © privat

Gabi ist 21 und Prostituierte. Ja, sie tut es freiwillig. Nein, sie muss nicht gerettet werden. Ihr Job macht ihr Spaß. Slut Shaming und Dating hingegen gehen ihr auf die Nerven. Für ZeitPunkt erzählt sie, wie es ist als SexarbeiterIn einen Partner zu finden.

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Es ist nun ungefähr ein Jahr vergangen, seitdem ich beschlossen habe, den Schritt in die Sexarbeit - genauer: Prostitution - zu wagen. Und insgesamt bin ich damit auch ziemlich glücklich. Wäre da nicht dieses eine Problem, über das sich wohl kaum jemand zu sprechen wagt: Dating.

Man könnte meinen, dass es nicht all zu schwierig sein sollte, auf Menschen zu treffen, die diesen Berufszweig auch als solchen betrachten und ernst nehmen, besonders in alternativen Subkulturen. Zumindest ich habe das gedacht. Damit lag ich allerdings leider nicht ganz richtig.
Ich meine - Freunde finden ist damit wenigstens nicht wirklich schwer. Die Neugierigen bleiben und die Ignoranten sortieren sich von selbst aus. Und ich bin auch wirklich sehr dankbar über meinen doch sehr offenen Freundeskreis (props an alle, die mich lieb haben).
Aber manchmal sehnt man sich nun mal durchaus auch nach einer richtigen Partnerschaft. Nach jemandem, der FreundIn ist, aber auch mehr als nur das. Jemand, mit dem man eine ganz besondere Verbindung hat. Ihr wisst sicher, was ich meine.
Dann probiert man es also mit Dating. Ob “Real Life” oder Online-Dating sei dabei mal außen vor gelassen, da das meiner Meinung nach eigentlich keinen wirklichen Unterschied macht. Nun stellt euch vor, ihr unterhaltet euch gut mit jemandem. Über Musik, über Kunst, über Politik, Gott und die Welt; und dann kommt das Thema Arbeit auf. Oh-oh! Wie sagt man das jetzt am besten? Man will ja schließlich niemanden verschrecken, oder so. Meine Devise ist: Ehrlichkeit. “Ich mache Sexarbeit.” - oder: “ich bin Prostituierte”.
Darauf gibt es verschiedene Reaktionen, die sich im Prinzip von der Kernaussage her eigentlich kaum voneinander entscheiden, da alle auf internalisierter Misogynie basieren, genauer auf dem Glauben, dass weibliche* Sexualität etwas ist, worüber man nicht spricht, weil es etwas Schmutziges ist.

Reaktion Nr. 1: “Oh… also… äh… erwarte aber BLOß nicht, dass ich dich bezahle!”
Frage an alle, dessen Reaktion das war, ist oder wäre: Wieso sollte ich das erwarten? Wenn jemand beruflich kellnert und ihr miteinander rumhängt und dein Date bringt dir etwas zu trinken, schlussfolgerst du dann auch sofort “oh Kacke, die erwartet jetzt bestimmt ein Trinkgeld von mir”? Nein? Dann könnt ihr mir doch sicher erklären, wieso ihr das von SexarbeiterInnen denkt. Könnt ihr nicht? Na sowas aber auch…

Reaktion Nr. 2: “Oh, wirklich? Was nimmst du denn so für (hier Zeitraum einfügen) und was machst du so dafür?”
Angenommen, ihr lernt jemanden aus anderen Berufen kennen… Ist da eure erste Frage auch, was die so verdienen? Nein? Hmmmmm… Sollte man vielleicht mal generell noch mal drüber nachdenken.
(Wobei man das, wie ich persönlich finde, in einem anderen, respektvollen Kontext, durchaus thematisieren kann - zumindest mit mir.)

Reaktion Nr. 3 - und mein absoluter Favorit (nicht): “Oh nein, du Arme! Keine Sorge, ich hol dich da so bald wie möglich raus!”
Wie bitte? Du willst mich vor dem Job retten, den ich mir ausgesucht habe, da er, wenn ich denn schon arbeiten muss, mir am aller ehesten Spaß macht? In dem ich mich komplett entfalten kann, wo ich mein eigener Chef bin und über so ungefähr alles, was passiert, selbst entscheide? Okay. Ja, ich seh schon, ich muss definitiv gerettet werden. Vor meiner körperlichen und sexuellen Selbstbestimmung. Von dir. Meinem Helden in der glänzenden Rüstung. So schnell wie es nur geht!!!

Mal ganz im Ernst, Leute. So witzig sich das hier gerade auch alles liest - als betroffene Person ist das wirklich, wirklich frustrierend.
Und besonders wenn ihr euch in linken, feministischen und queeren Kreisen bewegt: bitte denkt doch mal darüber nach, wie ihr über SexarbeiterInnen redet und wie ihr Personen behandelt oder behandeln würdet, die Sexarbeit nachgehen. Wir sind genau so normale Menschen wie ihr auch, die einfach nur mit etwas anderem ihr Geld verdienen, als ihr. Mehr nicht. Das ist alles. Und ich denke, dass es doch wirklich nicht zu viel verlangt sein sollte, mit dem selben Respekt behandelt zu werden wie Menschen, die gesellschaftlich akzeptierten Berufen nachgehen.


Und zu guter letzt: hört doch bitte, bitte endlich auf, Leute als “Hurensöhne” beleidigen zu wollen, verdammte Scheiße!

 

*Die Geschichte von Gabi, die nicht wirklich Gabi heißt, ist erstmals auf ihrem Blog myendnote veröffentlicht worden.

Arbeitsutensilien
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von Redaktion

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